Samstag, 9. April 2016

Mittwoch, 6. April 2016

Anorexia nervosa - Meine beste Freundin Ana und ich…

„Wenn man halt in einer Sucht ist, hat man keine Kontrolle mehr über die Dinge, die man tut.“



Diskurse zur Erhaltung und Förderung von Gesundheit thematisieren oft die Prävention von Übergewicht – z.B. durch ausreichend Bewegung oder vollwertige und gesunde Ernährung. Vor allem im Jugendalter lauern in Bezug auf Ernährung allerdings auch andere große Gefahren, die meist wenig im Fokus stehen: Essstörungen, Magerwahn oder in anderen Worten: der Wunsch nach Size Zero.
In meiner Arbeit als Seminarleiterin und Lehrbeauftragte (Nane) für Freiwillige beim Deutschen Roten Kreuz arbeite ich viel mit Jugendlichen im Alter von 16-21 Jahren. Dabei begegne ich immer häufiger Mädchen (aber durchaus auch Jungen), die ein verzerrtes Körperbild haben: Ihr Traumgewicht liegt weit unter dem Normalgewicht, ihr Essverhalten ist falsch antrainiert, selbst stationäre Aufenthalte sind keine Seltenheit. Meine Erfahrungen zeigen, dass es als Lehrperson unabdingbar ist, bezüglich dieser Gefahren aufgeklärt zu sein. Allein schon deshalb hat dieses Thema für uns alle eine große Relevanz.



Weit verbreitet und zunehmend: Zahlen und Fakten der Essstörung

Ca. 1,4 % der Frauen und 0,5 % der Männer leiden laut einer repräsentativen Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland unter einer der drei Hauptformen von Essstörungen: der Magersucht, der Bulimie und der Bing-Eating-Störung (vgl. DEGS1-MH). Unter Jugendlichen in der Altersgruppe der 13- bis 18-Jährigen ist die Ausprägung der Diagnosen dabei am stärksten: 2,4 % der Mädchen und 0,9 % der Jungen sind von einer Essstörung betroffen (vgl. Swanson et al., 2011). Des Weiteren leiden zusätzlich nochmals ca. doppelt so viele weibliche und männliche Betroffene an Essstörungen, die aber nicht explizit als eine der Hauptformen diagnostiziert werden können (Swanson et al., 2011).
Im Jahr 2012 befanden sich laut des Statistischen Bundesamtes 11.491 Patientinnen und Patienten wegen einer Essstörung in vollstationärer Behandlung (vgl. Statistisches Bundesamt 2014). Der Frauenanteil betrug hier 90 Prozent. Innerhalb der Jahre 1998 und 2012 starben jährlich sogar zwischen 33 und 100 Menschen wegen einer Essstörung in Deutschland (vgl. Statistisches Bundesamt, 2014). Dabei ist es wichtig zu beachten, dass die genannten Zahlen und Häufigkeiten sich allein auf solche Patientinnen und Patienten beziehen, bei denen eine eindeutige Diagnose einer Essstörung stattgefunden hat – die Dunkelziffer und Anzahl der nicht erfassten Krankheitsfälle ist vermutlich deutlich höher.

Ähnliche Zahlen werden auch von anderen, unabhängigen Instituten berichtet: Laut des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) beispielsweise, liegt bei etwa einem Fünftel der 11- bis 17-Jährigen in Deutschland ein Verdacht auf eine Essstörung vor (vgl. erste Ergebnisse KiGGS). Des Weiteren besagen die Ergebnisse der KiGGS-Studie, dass es bei jedem dritten Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren ein Hinweis auf eine Essstörung gibt, bei Jungen hingegen sind 13,5 Prozent auffällig (vgl. erste Ergebnisse KiGGS).

Worauf lassen sich Essstörungen zurückführen und warum treten diese verstärkt bei Mädchen auf?

Die Psychologie bietet Ansätze, um diese Fragen zu beantworten. In der Entwicklung der Jugendlichen kann es zu gewissen Risiken kommen: Konsum von legalen und illegalen Drogen, Essstörungen, riskantes Fahrverhalten und viele mehr.  Mädchen haben hier eher ein Risiko für internalisierende Risiken, die sich beispielsweise in Essstörungen, Tablettenmissbrauch oder Depressionen äußern (vgl. Wagner/Hinz/ Rausch/ Becker, 2009, S.81). Für Mädchen spielt dabei die pubertäre Entwicklung eine zentrale Rolle: Denn nicht nur die psychischen Höhen und Tiefen sind ein Kennzeichen der Pubertät, sondern auch die Entwicklung des Körpers, der sich im Vergleich zu Jungen stärker und eindeutiger verändert. Mädchen haben bereits vor der Pubertät im Vergleich zu Jungen einen um 15% höheren Anteil an Fettgewebe, welcher im regulären Laufe der Pubertät  um bis zu 100% ansteigen kann. Das kann durch die hormonelle Veränderung erklärt werden, welche die Hüften und die Oberschenkel breiter werden lässt und die Brüste zum Wachsen anregt. Biologisch betrachtet ist diese Fettzunahme, die bis zu 11 kg betragen kann, sinnvoll, da so der weibliche Körper auf eine mögliche Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit vorbereitet werden soll. Diese anatomische Veränderung stellt viele Mädchen vor eine große Herausforderung: Zum einen haben viele Mädchen kein biologisches Fachwissen über diese Gewichtszunahme, sodass sie ausreichend darauf vorbereitet wären, zum anderen entspricht diese Gewichstzunahme schlicht nicht dem gesellschaftlichen Schönheitsideal, das durch Medien, Mode und Personen des öffentlichen Lebens transportiert und vorgegeben wird.

Veränderungen des Körpers können somit als negativ wahrgenommen werden und den Druck und das Bestreben entstehen lassen, krampfhaft abnehmen zu müssen. Dies sind zwar mögliche Erklärungen dafür, warum eher Mädchen an einer Essstörung erkranken, jedoch darf diese nicht generalisiert werden. Warum Betroffene an einer Essstörung, wie z.B. Anorexia nervosa erkrankt sind, kann auf viele weitere individuelle Gründe zurückgeführt werden.
Neben diesen physiologischen Herausforderungen der Pubertät kommen nämlich noch weitere psychologische hinzu: Jugendliche werden in der Pubertät mit der Herausforderung konfrontiert, sich selbst kennenzulernen und sich so, wie sie sind, zu akzeptieren. Sie wollen dabei stets überprüfen, wie die anderen sie sehen (vgl. Dreher/ Dreher, 1985). Der Entwicklungspsychologe Robert Havighurst hat dies in seinem Konzept der Entwicklungsaufgaben wie folgt beschrieben: „Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung und effektive Nutzung des Körpers." (vgl. Wagner/Hinz/ Rausch/ Becker, 2009, S.76) Jugendliche sind demgemäß stets auf der Suche nach sozialer Anerkennung – das Problem hier ist allerdings, dass sie aufgrund eines sich erst konstituierenden Selbstwertes meist ungünstig attribuieren, sprich negative Deutungsmuster übermäßig stark anwenden.

Während der pubertären Phase suchen sich Jugendliche Gleichaltrige, die dasselbe durchleben, mitreden können, die Selbstfindung muss nicht allein erlebt werden. Innerhalb ihrer Gruppe können die Jugendlichen, unabhängig von der eigenen Familie, emotionale Geborgenheit finden. Diese Gruppen werden als Peergroups bezeichnet und spielen bei der Suche nach Akzeptanz außerhalb der Familie eine entscheidende Rolle. Innerhalb dieser Gruppe kann sich der Jugendliche selbst darstellen, Reaktionen von anderen erfahren und das Gefühl der Einsamkeit überwinden (vgl. ebd., ebd.). Im Laufe der vergangenen Jahre hat sich hier allerdings eine medienbedingte Veränderung eingestellt, denn immer mehr Interaktions- und Informationsbereiche verlagerten sich jüngst in das Internet.

Pro Ana Websites und ihre schädliche Wirkung

Im World Wide Web gibt es viele Informationen zu Essstörungen: Viele sehr gute, die unterstützen, Hilfe aufzusuchen und zu finden (Beispiele: BZgA; Filderklinik; ABAS; Frankfurter Zentrum für Ess-Störung). Allerdings ist auch der Anteil an gegenteiligem beträchtlich hoch: Die „Magersucht Seiten“ Pro Ana, Pro Mia und Co. dienen als Nährböden für die oben aufgeführten Prävalenzen der Essstörungen. Sie sind gefährliche Online-Plattformen, die Essstörungen verherrlichen und deren gesundheitlichen Folgen verharmlosen. Die Krankheiten werden als ein Lebensstil oder eine Mode-Erscheinung dargestellt und die Betroffenen werden auf diesen Online-Plattformen nicht ermutigt, eine Therapie aufzusuchen, sondern im Gegenteil, es wird ihnen die Bestätigung gegeben, „dass es auch anderen auf ihrem Weg zu ihrem Traumgewicht schlecht geht und dass sich der Weg lohnt." (BZgA) Am Beispiel von Pro Ana werden diese „Magerwahn-Sekten“ nun exemplarisch vorgestellt:
Dass Magersucht nicht als ernstzunehmende und gefährliche Krankheit dargestellt wird, lässt sich allein anhand der positiv konjugierten und verniedlichenden Namensgebung verdeutlichen: „Pro Ana“ steht für Anorexia nervosa, zu Deutsch: Magersucht! Durch Pro Ana wird Magersucht als wahre Freundin dargestellt. Pro Ana Beiträge sind überall im Internet zu finden, z.B. auf Videoplattformen, in Blogs, auf sozialen Netzwerken, in Diskussionsforen und in Instant-Messengern. Seit einigen Jahren werden zwar Blogs und Foren geprüft und z.T. gelöscht (wer auf solche Angebote stößt, kann diese beim Jugendschutz oder hier melden), die Pro Ana Communities haben allerdings mittlerweile eine Lösung gefunden, um dieser Kontrolle zu entfliegen: WhatsApp-Gruppen. Diese sind für Pro Ana Gegner sehr schwierig zu kontrollieren, sie laufen im Dunkeln, was sie besonders gefährlich macht. 

Was macht Pro Ana so gefährlich?

Wir denken, dass gerade Pro Ana über diese Communities ein „Wir-Gefühl“ und Zugehörigkeit schafft: Alle verfolgen das gleiche Ziel und werden auf diesem Weg ständig motiviert, z.B. durch die sogenannten „thinspirations“ (Beispiele: thinspiration I, thinspiration II). Durch Tagebücher (Beispiel eines Tagebuchs auf einem Pro Ana Blog) und durch Tipps und Tricks zum Abnehmen und zur Geheimhaltung der Krankheit wird diese Motivation weiter aufrechterhalten und gefördert. Unter Gleichgesinnten verlieren die Betroffenen zunehmend den Bezug zur Realität und die eigene verzerrte Körperwahrnehmung wird verstärkt. „Alles zielt darauf ab, die Krankheit zu erhalten und das hat schwere gesundheitliche Folgen.“ (BZgA)



Was tun?

Aber wie sollen wir als Lehrkräfte mit dem Thema Essstörung umgehen? Sind uns da nicht die Hände gebunden, weil wir gerade Online Blogs nicht beeinflussen können? Die Pro Ana Blogs unterstützen dieses Zugehörigkeitsgefühl und geben den Mädchen die Bestätigung und soziale Anerkennung für ihre erfolgreichen Abnahmen. Sie fühlen sich in dieser Gemeinschaft wohl, fühlen sich verstanden und treffen auf andere Mädchen, die ihre Vorstellungen über Schönheit teilen. Es wird sogar von einer eigenen Religion mit eigenen Gesetzen gesprochen. Dies verstärkt das Gefühl einer Gemeinschaft und bringt die Peergroup näher zusammen. Auch Jungs suchen sich während der Pubertät ihre Peergroups, allerdings haben diese nicht dieselben Probleme mit der Veränderung ihres Körpers wie die Mädchen. Gibt es hier Dinge, die Mädchen von den Jungen lernen können? Oder ist dies die Aufgabe der Lehrkräfte? Wie groß sind die Anteile von Körper und Psyche? Wie könnte man Angebote über Messenger wie WhatsApp überhaupt verbieten? Diskutiert mit, schreibt uns eure Kommentare – gemeinsam können wir hier vielleicht etwas weiterkommen!


Quellenverzeichnis:

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA): http://www.bzga-essstoerungen.de/index.php?id=379 (abgerufen am 06.04.2016)

Dreher, E. & Dreher, M. (1985). Wahrnehmung und Bewältigung von Entwicklungsaufgaben im Jugendalter: Fragen, Ergebnisse und Hypothesen zum Konzept einer Entwicklungs- und Pädagogischen Psychologie des Jugendalters. In: R. Oerter (Hrsg.), Lebensbewältigung im Jugendalter (S.30-61). Weinheim: Edition Psychologie, VCH.

Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS): http://www.bzga-essstoerungen.de/fileadmin/user_upload/medien/PDFs/Hoelling_Essstoerungen.pdf (abgerufen am 06.04.2016)

Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung. Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1-MH): http://www.psychologische-hochschule.de/wp-content/uploads/2015/03/jacobi-degs-praevalenzen-nervenarzt_2014.pdf (abgerufen am 06.04.2016)

Statistisches Bundesamt (2014). Anzahl der in deutschen Krankenhäusern diagnostizierten Fälle von Anorexie und Bulimie in den Jahren 2000 bis 2012: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/28909/umfrage/in-krankenhaeusern-diagnostizierte-faelle-von-anorexie-und-bulimie (abgerufen am 06.04.2016)

Statistisches Bundesamt (2014). Todesfälle aufgrund von Essstörungen in Deutschland in den Jahren 1998 bis 2012: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/28905/umfrage/todesfaelle-durch-essstoerungen/ (abgerufen am 06.04.2016)

Swanson, S. A., et al. (2011). Prevalence and correlates of eating disorders in adolescents. Results from the national comorbidity survey replication adolescent supplement. Arch Gen Psychiatry. 68(7): 714-23.

Wagner/Hinz/Rausch/Becker (2009). Modul Pädagogische Psychologie. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.