Montag, 23. Oktober 2017

Helikopter-Eltern

Lasst die Kinder sich  
die Welt aneignen

Ein Beitrag von Marieke Brecht 



Quelle: http://www.hallo-eltern.de/kind/kinder-foerdern/











Eltern geben sich heutzutage mit der Erziehung ihrer Kinder so viel Mühe, wie nie zuvor. Und doch sind therapeutische Praxen voll mit verhaltensauffälligen Kindern. Woran liegt das?

Kinderpsychologen sind sich einig: „Überbehütete Kinder werden ebenso krank wie vernachlässigte.“ (1) Ich möchte mit diesem Blogbeitrag auf die Gefahren des Helikoptertums aufmerksam machen, die Folgen aufzeigen und Lehrkräfte in der Schule dafür sensibilisieren.



Ich bin selbst Mutter von drei Kindern und mit dieser Problematik und den Auswirkungen auf diese Kinder in der eigenen Familie, im Freundeskreis und in Kindergarten und Schule meiner Kinder konfrontiert. Gespräche können nicht zu Ende geführt werden, da Marie* oder Hannes* eben etwas aus Mamas Handtasche brauchen, bei anstehenden Klassenarbeiten geraten manche Mütter regelrecht in Panik und kontaktieren sich untereinander, sie bestürmen die entsprechenden Lehrkräfte mit E-Mails und verbieten ihren Kindern alle außerschulischen Aktivitäten - bereits Tage vor der Klassenarbeit. Und auf Spielplätzen konkurrieren Eltern um die Medaille des aufmerksamsten Erwachsenen.


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Was versteht man unter Helikopter-Eltern? 

Der Begriff Helikopter-Eltern taucht zum ersten Mal im Werk „Between Parent & Teenager“ (1969) (1) des israelischen Psychologen Haim G. Ginott auf. Dabei hat er einen Heranwachsenden zitiert: „Mother Homers over me like a Helikopter“ (ebd.). Die Metapher legt den Schwerpunkt auf das Überwachen und Kontrollieren.
Helikopter-Eltern sind Menschen, die sich gegenüber ihren Kindern überfürsorglich verhalten, allerdings häufig nicht nur um die Kinder zu schützen, sondern auch um dafür zu sorgen, dass aus dem Kind auch einmal genau das wird, was sich die Eltern vorgestellt haben. Aus ihnen soll etwas Besseres werden als die Eltern selbst erreicht haben; oder sie sollen den Standard zumindest halten. Deshalb halten sie sich ständig in der Nähe ihrer Kinder auf, schweben quasi wie ein Helikopter über ihnen, damit sie diese kontrollieren,     lenken und leiten können.


Im Jahr 2014 sorgte ein Stuttgarter Grundschulrektor bundesweit für Aufsehen mit einem Beitrag in der Stuttgarter Zeitung (hier geht's zum Artikel der Stuttgarter Zeitung). Darin wies er auf die Missstände in seiner Schule hin; ausgelöst durch fehlendes Vertrauen der Eltern in Schule und Lehrer und in die Fähigkeiten ihrer eigenen Kinder. Die Eltern bringen ihre Kinder bis zum Platz im Klassenzimmer, tragen ihnen den Ranzen, ziehen ihnen Jacke und Schuhe aus, halten sich unerlaubt im Schulhaus auf… und halten damit Lehrer vom Unterricht ab und sorgen für schwierige Situationen im Schulhaus, was die Sicherheit betrifft (3).


Verwechselt werden dürfen Helikopter-Eltern aber nicht mit denjenigen Eltern, die ihre Kinder verwöhnen. Denn bei ihnen steht nicht die Leistung und die Kontrolle im Vordergrund, sondern ihr Verhalten besteht darin, dass sie den Kindern nahezu alle Wünsche erfüllen und Belastungen und Anstrengungen aus dem Weg räumen.

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Die Folgen

Josef Kraus, der Präsident des deutschen Lehrerverbandes, sagt: „Bei Kindern von Helikopter-Eltern ist eine zunehmende Unselbständigkeit zu beobachten, eine Hilflosigkeit gepaart mit hohen Ansprüchen. Denn diese Kinder verlassen sich darauf, dass die Eltern alles für sie erledigen.“ (4) Sobald diese Kinder in der Schule sind und mehr Eigenverantwortung übernehmen sollen, kann erkannt werden, wenn Zuhause etwas nicht stimmt. Die Eltern tragen den Ranzen, spielen noch im Gymnasium Elterntaxi; Mama schreibt die Lernwörter oder Vokabelkärtchen, bereitet die Präsentation für das Referat vor und vor Klassenarbeiten noch schnell eine E-Mail an die LehrerInnen. 

Im sozialen Bereich kann die Auswirkung von Helikopter-Eltern beispielsweise eine „Verinselung“ (5)  der betroffenen Kinder auslösen. Denn Kinder, die ständig unter Beobachtung stehen, sind innerlich nicht frei genug, um zum Beispiel Freundschaften zu schließen. Dazu bräuchten sie Freiräume für ihre persönliche Emotionalität. Sie müssten auch mal frech sein dürfen, Unvorzeigbares tun, Fehler machen, Niederlagen einstecken. Ist das nicht möglich, sind sie für andere uninteressant. Es fehlt den Kindern an inneren Freiräumen und äußeren Freiheiten. Das ständige Zusammensein mit Eltern oder Erwachsenen ist wie ein gut gemeintes Gefängnis. Eine Isolation ist vorprogrammiert. 

Die Kindheit heutzutage wird häufig auch als „institutionalisierte Kindheit“ beschrieben: Ganztagsschule, Sportverein, Tanzen, Sprachschule. Die oben genannten Freiräume finden diese Kinder nicht mehr und sie können, aufgrund des von den Eltern geplanten Lebensalltags, keine Individualität entwickeln.
Vielleicht sind im Kind ganz andere Persönlichkeitselemente dominant, als die von den Eltern gewünschten? Diese können aber nicht hervortreten.

In einem Blogkommentar berichtet eine Userin von ihren eigene Kindheitserfahrungen mit Eltern, die andauern um sie gekreist sind (www.rund-ums-baby.de): 


Ich habe dieses Helikoptertum selbst in vielen Situationen als Kind miterlebt und es oft genug als sinnfrei einschränkend, unzeitgemäß und rechthaberisch empfunden. Natürlich wollten mich meine Eltern beschützen, haben das also nicht aus Bösartigkeit gemacht, aber für meine Mutter war das schon auch eine Möglichkeit, so lange wie möglich regelrecht unentbehrlich zu sein. Das ist auch eine Form der Rechtfertigung des eigenen Daseins gegenüber des Ernährers, denn man könnte ja nicht einmal arbeiten, weil einen doch die lieben Kinderlein mit (weit) über 20 noch sooo seeehr brauchen. Als ich dann zu Studium nach Rom gegangen bin, war das eine Art Befreiungsschlag, mußte dort aber auch sehr viel Alltägliches lernen, das für andere Gleichaltrige bereits seit Jahren vollkommen normal war. […]
Meine Schwägerin hat mit ihren Kindern auch Helikopter gespielt. Nach 08/15-Standards mögen sie zwar wohlgeraten sein. Abnabelungstendenzen dürfen nur unterschwellig stattfinden, weil sie sonst böse werden muss. Ein eigenes Leben ist nicht gestattet, sie dominiert alles bis hin zum Kleidungsstil. 
[…]
Ich halte das für extrem ungesund, denn wenn irgendwann die Abnabelung einsetzt, dann wird diese grausam, da diese Dominanz anders nicht zu durchbrechen ist. Das Endresultat ist das Gegenteil dessen, was beabsichtigt war; das habe ich auch bei ehemaligen Schulkameraden miterlebt. […] (6)


http://tessarath.de/wut-zeichnen/
Da Helikopter-Eltern versuchen, den totalen Überblick über das Leben ihres Kindes zu haben, werden sie natürlich auch bei Konflikten parat stehen (… wenn das Kind überhaupt welche hat bei diesem kontrollierten Lebenswandel…) und die Sache regeln. Die Kinder werden somit nur in äußerst geringem Umfang die Erfahrung machen, dass sie Konflikte selbst lösen können, dass man aus Fehlern lernen kann, dass es normal ist, dass man nicht immer alles richtig hat… Deshalb spricht man auch von „Krisenklau“ (7). Das Kind könnte sich zu einer nicht „krisenfesten Persönlichkeit“ entwickeln. Als weitere mögliche Folgen des „overparentings“ nennt die amerikanische Familientherapeutin Wendy Mogel Bettnässen, Essstörungen, ADHS oder schwerwiegende Schulprobleme (8). Ob diese aber dann auch auf das gestörte Eltern-Kind-Verhältnis zurückgeführt werden, bleibt fraglich. Letztlich leiden die Kinder. 
Der Psychoanalytiker und Verhaltenstherapeut Jost Ackermann sieht als weitere mögliche Folgen „Depressionen, Verweigerungshaltung und den Griff zu Drogen“ (ebd.).

Im SWR 2 Forum diskutierten am 21.07.17 ein Spielplatzdesigner, ein Soziologe und eine Erziehungswissenschaftlerin zu diesem Thema im Beitrag „Förmchen-Streit und Helikopter-Eltern“. Sie gingen der Frage nach, wie wichtig Spielplätze für Kinder sind und legten dar, dass es nicht um besonders abenteuerbringende Motto-Spielplätze geht, auf denen Kinder unter Palmen klettern oder auf wilden Tieren aus Holz reiten können; Kindern heutzutage fehle es an Spielraum.


Ihre Kindheit scheine inszeniert voller Dinge, die sie scheinbar bräuchten. Gemacht von uns Erwachsenen, damit die Kinder glücklich sind. Dabei könnten Kinder überall und mit allem spielen und dies sei zudem natürliches Lernen. Wichtig sei es Grenzen kennenzulernen, sich selbst einschätzen zu können, Gefahren erkennen zu können. All diese Erfahrungen können Kinder nur alleine machen, im Spiel mit Gleichaltrigen.
Mehr Spielräume würden vor allem in Städten dazu beitragen, dass ein soziales Zusammensein  im öffentlichen Milieu entstehe und nicht nur ein Eltern-Kind-Bezug bestehe. 
Auf Spielplätzen hingegen, sehe man immer mehr Erwachsene auf den Spielgeräten, die  wirklich wichtigen, auf die kindliche Entwicklung bezogenen Spielmöglichkeiten, sind dort letztlich begrenzt. Vor allem Mittelschichtskinder würden vermehrt bespielt werden oder hätten Mutter und/oder Vater ständig im Hintergrund, die alles kommentieren, sie warnen, etwas verbieten, sie sehen und beobachten… Beobachtet wurde auch, dass Kinder sich mittlerweile an der Unterstützung ihrer Eltern messen und genau beobachten würden, wer am meisten Aufmerksamkeit bekommen würde.
So könnten sich Kinder nicht frei entwickeln und keine Eigenverantwortung lernen. Die meisten Unfälle geschehen mit den Eltern zusammen, meistens sogar mit Vätern. Und das Spiel mit den Eltern ließe  sie keine Selbstständigkeit erlernen (9).


Quelle: http://www.stuttgarter-nachrichten.de/
inhalt.einschulungsuntersuchung-in-stuttgart-
jedes-vierte-kind-kann-nicht-huepfen.
707b0c3c-a8e6-4b85-bc90-697f2f241a5f.html
So können sich Kinder nicht frei entwickeln und keine Eigenverantwortung lernen. Die meisten Unfälle geschehen mit den Eltern zusammen - meistens mit Vätern. Und das Spiel mit den Eltern lässt Kinder keine Selbstständigkeit erlernen. Nur das Selbermachen führt zu Erfolgserlebnissen und Kinder können sich weiterentwickeln. Bei Schuleingangsuntersuchungen zeigt sich, dass 30% der untersuchten Kinder nicht auf einem Bein hüpfen können (ebd.) … 

Die Kindheit der Kinder von heute scheint institutionalisiert und pädagogisiert und die Freiheit des Selber-Lernens scheint verloren gegangen. Wir brauchen wieder mehr Freiräume für unsere Kinder, mit weniger Vorgaben und Augen, die alles sehen.

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Ursachen

Experten sehen die Ursache für das Verhalten der Helikopter-Eltern bei deren persönlichen Problemen. Nicht bewältigte eigene Erfahrungen und Defizite psychischer Art bilden häufig die Ursache für das Helikoptertum.
Dazu kommen die Fälle, in denen das Kind einem großen, lange Zeit unerfüllten, Kinderwunsch entspricht. Und eine besonders enge und liebevolle Beziehung zum Kind kann zu Überbehütung und einem stark ausgeprägten Kontrollbedürfnis führen; nicht Loslassen-Können und eine große Ängstlichkeit der Eltern stehen hierzu in einem engen Verhältnis (10).

Der Kinderpsychologe Michael Winterhof hierzu: Den Eltern dieser auffälligen Kinder konstatiert er „fehlende Anerkennung und Orientierung“. Weiter sagt Winterhof: „Wenn das Kind in der Schule zurecht kommt, bin ich eine gute Mutter sonst eine schlechte. Der Erwachsene wird jetzt bedürftig und das Kind soll die Bedürfnisse erfüllen.“ (11)
Jasper Jul, der dänische Familientherapeut, äußert sich folgendermaßen: „Verantwortung, Ignoranz und Desinteresse richten gar weniger Schaden in Kinderseelen an als jener Narzissmus, der den Nachwuchs glücklich und erfolgreich sehen will, um sich selbst als kompetent zu erleben.“ (ebd.). Dies scheint fast so, als würden sich Kinder zu einem Accessoire ihrer Eltern entwickeln. Mit den Wohlgeratenen, gemessen an unseren Werten, lässt es sich sich besonders gut schmücken. 

Es ist somit für Helikopter-Eltern einfacher, ihren Ängsten nachzugeben und ihre Bedürfnisse auf ihr Kind zu übertragen, statt ihre eigenen Ängste zuzulassen, Risiken einzugehen, Konflikte hervorzurufen und für sich selbst ein eigenes Selbstbewusstsein zu schaffen. Es bedarf nämlich einer starken Auseinandersetzung mit sich selbst, um vom Helikopterdasein frei zu werden.

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Aneignung als Ziel und Methode

„Aneignung ist ein selbsttätiger Akt des aneignenden Subjekt bzw. Kindes. Lehrer (Eltern) können einem Kind zwar versuchen die Aneignungsprozesse zu erleichtern und diese zu unterstützen, aber nie verordnen; eine Aneignung ist eine Leistung des eignenden Selbst, also muss sie das Kind selbst leisten.“ Weiter bedeutet dies: „Menschen (Kinder) können nicht irgendein Leben führen, sondern nur ihr eigenes“ (12). Denn: „Kinder machen sich ihre Umwelt zu eigen, indem sie etwas damit tun, sie aktiv begreifen“ (13).

Sie sollen klettern, springen, sitzen, beobachten, sich ausruhen, mit Wasser und Erde spielen, verstecken spielen, Skateboard fahren, mit Bällen spielen, Radfahren, Erwachsene imitieren, Vorhandenes umfunktionieren, Spuren hinterlassen.
Das Wissen um ihren Lebensraum muss selbständig angeeignet werden, um Schlüsselkompetenzen zu erwerben. Kinder müssen eigene Entscheidungen treffen können, Konflikte bewältigen, mit negativen und positiven Gefühlen umgehen können, aus Fehlern lernen und Scheitern als Chance erfahren können.
Bei Helikopter-Eltern stehen die eigenen Probleme im Vordergrund und werden auf die Kinder übertragen. Ein guter Weg, um aus diesem Teufelskreis herauszufinden, ist, bei sich selbst anzufangen und sich zu fragen: Wer bin ich? Was will ich? Was sind meine Sehnsüchte und Träume? Sie sollten ihre eigene Situation hinterfragen und nicht den leichteren Weg wählen, indem sie ihren eigenen Ängsten nachgeben und ihre Bedürfnisse auf ihre Kinder übertragen. Die Leidtragenden sind am Ende immer die Kinder!


Vor seinem Ende sprach Rabbi Sussja: In der kommenden Welt werde ich nicht gefragt werden: „Warum bist du nicht Moses gewesen?" Die Frage wird vielmehr lauten: „Warum bist du nicht Sussja gewesen?“ (12).
















Quellen:

(1)http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/helikopter-eltern-wie-ueberbehuetung-den-kindern-schaden-kann-a-915507.html
(2)Ginott, Haim G. (1969): Between Parent&Teenager. New York: Macmillan.
(3)http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.helikopter-eltern-aus-dem-ruder.e3a7ca81-1e82-4256-ad9a-ac8ca2cae471.html
(4)https://www.swr.de/swr2/wissen/helikoptereltern/-/id=661224/did=11985954/nid=661224/15ksq7x/index.html
(5)https://www.kinderinfo.de/ratgeber/helikopter-eltern/
(6)https://www.rund-ums-baby.de/forenarchiv/aktuell/Helikopter-Eltern-aktueller-SPIEGEL-Artikel_56559.htm) 
(7) https://www.kinderinfo.de/ratgeber/helikopter-eltern/
(8) https://de.m.wikipedia.org/wiki/Helikopter-Eltern 
(9)https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/swr2-forum/swr2-forum-foermchen-streit-und-helikopter-eltern/-/id=660214/did=19679452/nid=660214/1ey94jm/index.html 
(10) https://de.m.wikipedia.org/wiki/Helikopter-Eltern
(11) http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/helikopter-eltern-wie-ueberbehuetung-den-kindern-schaden-kann-a-915507.html
(12) Largo, Remo H. (2017): Das passende Leben. Fischer Verlag GmbH: Frankfurt/Main.
(13) www.ganztag-blk.de

- http://www.focus.de/familie/schule/der-kampf-lehrer-gegen-helikoptereltern-wenn-mama-und-papa-wegen-einer-drei-im-aufsatz-ans-ministerium-schreiben_id_3306222.html (zuletzt aufgerufen am 17.10.2017)
- http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/helikoptereltern-ein-betroffenes-kind-berichtet-a-1134782.html (zuletzt aufgerufen am 17.10.2017)
- http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/helikopter-eltern-gebt-den-kindern-mehr-verantwortung-a-1094841.html (zuletzt aufgerufen am 20.10.2017)
- https://www.welt.de/vermischtes/article136640776/Die-Wut-der-Lehrer-auf-nervige-Eltern.html (zuletzt aufgerufen am 20.10.2017)

Bildquellen: 

- http://www.hallo-eltern.de/kind/kinder-foerdern/ (zuletzt aufgerufen am 20.10.2017)
- http://tessarath.de/wut-zeichnen/
- http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.einschulungsuntersuchung-in-stuttgart-jedes-vierte-kind-kann-nicht-huepfen.707b0c3c-a8e6-4b85-bc90-697f2f241a5f.html (zuletzt aufgerufen am 20.10.2017)
- http://www.familie.de/eltern/test-spielplatzmuetter-631285.htmlhttp://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/tagesgespraech/tg-zwanzigster-juni-100.html (zuletzt aufgerufen am 20.10.2017)

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Laut WHO sind die Kinder aktuell viel zu dick! ... und jetzt?!

https://pixabay.com/de/menschen-kind-kinder-schmutzig-eis-2588030/

Die WHO hat gestern anlässlich des Welt-Adipositas-Tags auf die Ergebnisse einer Längsschnittstudie verwiesen, nach deren Aussage in den letzten 40 Jahren der Anteil adipöser Kinder gravierend zugenommen hat.

Diese Studie wird auch in den deutschen Medien rezipiert und Lösungen scheinen vermeintlich schnell gefunden zu sein (siehe unten).

Unter anderem wird gefordert, dass sich Bildung und Schule der Problematik stärker annehmen sollen.

Die Frage ist nur, wie...

Was denken Sie denn darüber?

http://www.tagesspiegel.de/wissen/weltweite-studie-zu-uebergewicht-zahl-extrem-dicker-kinder-hat-sich-verzehnfacht/20440626.html

https://www.zdf.de/kinder/logo/immer-mehr-kinder-sind-zu-dick-100.html

https://www.facebook.com/ZDFheute/videos/10155856312925680/


Dienstag, 26. September 2017

Gesundheitsrisiko Sonne


Quelle: http://www.gdv.de/wp-content/uploads/2013/04/Sonnenschein-Infografik-102760977.jpg



Ein Blogbeitrag von Sina Haubert, Elena Kretlow und Nathalie Rill

Sommer – Sonne – Sonnenschein. Es ist wieder soweit! 30 Grad, strahlend blauer Himmel und ein kühles Getränk in der Hand. Wer kennt das dabei aufkommende Sommergefühl nicht?! Allein der Gedanke daran hebt die Stimmung.
Egal ob auf der Straße, im Park, auf dem Balkon, auf der Freibadwiese oder am goldgelben Sandstrand direkt am Meer – überall sind in der warmen Jahreszeit glückliche Menschen zu sehen, die in verschiedener Form die Sonne genießen.    
Tatsächlich steigert die Strahlung der Sonne unser seelisches Wohlbefinden sowie unsere Vitalität und ist auf Grund einer Vielzahl positiver Wirkungen für uns Menschen lebensnotwendig. Wichtige Stoffwechselprozesse, wie die Vitamin-D-Synthese in der Haut werden durch das Sonnenlicht überhaupt erst ermöglicht.
Ist der menschliche Körper jedoch übermäßiger und insbesondere ungeschützt Sonnenbestrahlung ausgesetzt - was im Übrigen nicht nur im Hochsommer der Fall sein kann - können unterschiedlichste chronische Lichtschäden die Folge sein. Vor allem exzessives Bräunen erhöht das Risiko hierfür erheblich. Trotz dessen eifern viele unter uns dem europäischen Schönheitsideal nach, wofür auch oftmals ein Sonnenbrand riskiert wird. „Sonnencreme verhindert ja schließlich eine schnelle Bräunung“ – so ein weitverbreiteter Mythos. Generell wird die Wirkung der Sonne meist stark unterschätzt, was sich in den steigenden  Zahlen bezüglich Hautkrebserkrankungen widerspiegelt. [1]
Neben den positiven Auswirkungen der Sonnenstrahlung müssen demnach auch die Schattenseiten bedacht werden. Ein verantwortungsvoller Umgang mit der Sonne, sowie effiziente Schutzmaßnahmen sind deshalb unumgänglich und dringend notwendig. [2]

Im Folgenden werden zunächst die wichtigsten fachlichen Aspekte in Bezug auf die positiven und negativen Seiten der Sonnenstrahlung geklärt. Daran anknüpfend soll die Wichtigkeit sowie Problematik der Aufklärung hinsichtlich Sonnenschutz herausgestellt werden.


Vitamin D – Warum Sonne für unseren Körper so wichtig ist
Vitamin D ist maßgeblich an diversen Funktionen des Körpers beteiligt und deshalb lebensnotwendig. Das Vitamin spielt eine wesentliche Rolle bei Regulationsprozessen des Calcium- und Phosphatstoffwechsels und fördert in diesem Zusammenhang in erster Linie das Knochenwachstum. [3] Vitamin D erhöht diesbezüglich den Calcium-Spiegel im Blut durch eine Steigerung der Aufnahme aus dem Darm sowie der Rückresorption in der Niere. Das erhöhte Calciumangebot wird teilweise in den Knochen eingelagert. [4] 

Woher bekommt der Körper überhaupt Vitamin D?
Vitamin-D kann vom Körper auf zwei verschiedene Weisen gewonnen werden. Durch die Aufnahme von Vitamin-D-reichen Lebensmitteln, wie beispielsweise Milchprodukte, Fettfische, Ei und Avocado, können circa 20 % des Bedarfs abgedeckt werden. Der Großteil – circa 80% – der Vitamin-D-Versorgung läuft jedoch über die körpereigene Synthese in der Haut unter Einfluss von Sonnenlicht. [5] Aus diesem Grund handelt es sich streng genommen nicht um ein klassisches Vitamin und kann somit auch als Hormon definiert werden. Viele betiteln Vitamin D deshalb auch als „Sonnenhormon“.
Für die körpereigene Synthese von Vitamin-D benötigt unser Körper die im Sonnenlicht enthaltenen kurzwelligen energiereichen UV-B-Strahlen. Wie viel Vitamin D der Körper mit Hilfe der Sonne tatsächlich bildet, hängt sowohl von äußeren Bedingungen wie Breitengrad des Wohnortes oder der Jahreszeit, als auch von individuellen Faktoren wie Lebensstil oder Hauttyp ab. Je empfindlicher und heller die Haut ist, desto kürzer muss das Sonnenbad ohne Sonnenschutz(creme) ausfallen, da wenige Minuten für die Vitamin-D-Synthese ausreichen. Dunklere Hauttypen besitzen einen höheren natürlichen Sonnenschutz und benötigen für die Produktion der gleichen Menge an Vitamin-D etwas länger. [6] 

Was passiert bei einem Vitamin-D-Mangel?
Bei einem Vitamin-D-Mangel schöpft der Körper vermehrt die Calciumspeicher in den Knochen aus, um den Serumcalciumspiegel konstant zu halten.
Bei Kindern resultiert hieraus die Rachitis. Die noch nicht vollständig entwickelten Knochen bleiben weich und verbiegen sich, was beispielsweise zu O-Beinen und Brustkorbdeformitäten führt. Neben diesen teilweise schwerwiegenden und vor allem bleibenden Knochenverformungen des Skeletts ist auch die Zahnentwicklung und Zahnmineralisation betroffen.
Das entsprechende Krankheitsbild bei Erwachsenen, die Osteomalazie, geht mit krankhaften Knochenverkrümmungen, Knochenschmerzen und Gangstörungen einher. Auch eine Osteoporose (Knochenschwund) wird durch einen Vitamin-D-Mangel begünstigt. Dabei werden die bereits voll entwickelten Knochen demineralisiert, wodurch Knochensubstanz verloren geht. Dies führt neben einer verminderten Knochenmasse auch zu Veränderungen im Feinbau des Knochengewebes. Die Knochen werden dadurch zunehmend porös und verlieren an Festigkeit und Stabilität. [7]
Mögliche weitere gesundheitliche Folgen eines Vitamin-D-Mangels - vor allem in Bezug auf das Immunsystem - sind Gegenstand aktueller wissenschaftlicher Forschung. 

Was tun bei einem Vitamin-D-Mangel?
Das Bundesamt für Strahlenschutz macht zunächst deutlich, dass es tatsächlich Risikogruppen gibt, die zu einem Vitamin-D-Mangel neigen. Dazu gehören Menschen mit bestimmten chronischen Erkrankungen zum Beispiel der Leber, der Niere und des Magen-Darm-Traktes. Aber auch Personen mit unzureichender Sonnenexposition, wie ältere immobile Menschen, in Deutschland lebende Menschen mit dunklem Hauttyp sowie traditionell verschleierte Menschen. In der Regel gilt jedoch, dass Menschen mit einem ausgewogenen Lebens- und Ernährungsstil eher selten an einem Vitamin-D-Mangel leiden. Im Fall eines vom Arzt diagnostizierten Vitamin-D-Mangels kann mit Hilfe geeigneter Vitamin-D-Präparate entgegengewirkt werden. Die Behandlung sollte jedoch unbedingt ärztlich kontrolliert erfolgen.
Eine besondere Risikogruppe sind außerdem Säuglinge, da sie auf Grund der hoch sensiblen Haut noch besonders vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt werden müssen. In Deutschland wird deshalb die Gabe von Vitamin-D-Präparaten zur Rachitis-Prophylaxe für circa 12 bis 18 Monaten ab Geburtszeitpunkt empfohlen. [8]

Risiko Sonne
Zusammensetzung der Sonnenstrahlung
Sonnenstrahlung enthält ultraviolette (UV-) Strahlung (ca. 6%), Infrarot (IR-) Strahlung (ca. 44%) und das sichtbare Licht (ca. 50%). Die Unterteilung erfolgt je nach Wellenlänge. [9]

Was ist UV-Strahlung?       
Die ultraviolette Strahlung wird von uns Menschen nicht gesehen und auch andere Sinnesorgane sind nicht in der Lage UV-Strahlung wahrzunehmen. Die UV-Strahlung wird je nach Wellenlänge in UV-A-, UV-B- und UV-C Strahlung unterteilt. Abhängig von der Wellenlänge dringt die UV-Strahlung unterschiedlich weit bis zur Erdoberfläche vor. [10] 

Quelle: http://www.bfs.de/SharedDocs/Bilder/BfS/DE/opt/uv/uv-wellenlaenge-gross.jpg?__blob=poster&v=3

Wie stark die auf der Erdoberfläche ankommende UV-Strahlung tatsächlich ist, hängt von mehreren Faktoren ab.



Quelle: https://www.google.de/search?q=intensit%C3%A4t+uv+strahlung&client=firefox-b&dcr=0&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwiX6JjfxMrWAhUIUBQKHSTIB18Q_AUICigB&biw=1525&bih=681#imgrc=qBUTnIfsEKstzM:


UV-Strahlung geht unter die Haut
Dass UV-Strahlung eine positive Wirkung auf die Gesundheit des Menschen hat wurde bereits erläutert. Trotz dessen weist UV-Strahlung auch negative Effekte auf. Dabei wird zwischen kurzfristigen bzw. akuten und langfristigen bzw. chronischen Wirkungen unterschieden. Abhängig von der Wellenlänge dringt die UV-Strahlung tief oder weniger tief in die Augen und Haut ein. 


Quelle: https://www.google.de/search?client=firefox-b&dcr=0&biw=1525&bih=681&tbm=isch&sa=1&q=strahlung+
haut&oq=strahlung+haut&gs_l=psy-ab.3..0i5i30k1.11459.15610.0.15777.18.16.2.0.0.0.133.1565.
10j6.16.0.dummy_maps_web_fallback...0...1.1.64.psy-ab..0.16.1443...0j0i67k1j0i13i5i30k1j0
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UV-B-Strahlung regt in der untersten Schicht der Oberhaut - der Basalzellschicht - die Zellteilung an, wodurch die Hornschicht verdickt und der natürliche Lichtschutz der Haut um einen Faktor von bis zu 2 erhöht wird. Außerdem regt UV-B-Strahlung die Produktion von Melanin in den Melanozyten an, welches für die Hautbräunung verantwortlich ist. Sind diese natürlichen Schutzmechanismen überlastet bzw. ausgereizt, kommt es zu einem Sonnenbrand. UV-A dringt bis in die Lederhaut ein und schädigt dort vor allem elastische Fasern, wodurch es langfristig zur Faltenbildung der Haut kommt. [11]
In den Zellen von Augen und Haut wird die UV-Strahlung absorbiert, wobei unterschiedliche Veränderungen hervorgerufen werden. Allen voran ist die Schädigung des Erbguts (DNA) zu nennen. Diese Schädigung passiert bereits durch geringe UV-Belastung lange vor einem Sonnenbrand. Während geringe Schäden von körpereigenen Reparaturmechanismen beseitigen werden können, übersteigt eine zu hohe UV-Dosis die Kapazität der Reparatursysteme. Die Folge können bleibende Erbgutveränderungen sein, die das Risiko für Hautkrebs steigen lassen.
In der folgenden Tabelle sind die negativen Wirkungen von UV-Strahlung aufgelistet. Während akute Wirkungen sofort oder innerhalb von Minuten, Stunden oder Tagen auftreten, kommen chronische Wirkungen erst nach Jahren oder Jahrzehnten als Spätfolgen zum Vorschein. [12]


Akute Wirkungen
Chronische Wirkungen
Auge
Hornhautentzündung
Bindehautentzündung
Netzhautschäden
Linsentrübung (Grauer Star)
Haut
Hautrötung bzw. Sonnenbrand
Sonnenallergie
Unterdrückung des Immunsystems (Immunsuppression), z. B. Lippenbläschen
Hautalterung
Hautkrebs
 

Die verschiedenen Hauttypen

Die Wirkungen der UV-Strahlung sind abhängig vom Hauttyp. Je nach Reaktion der Haut auf UV-Strahlung und aufgrund von äußeren Merkmalen lassen sich sechs Hauttypen unterscheiden. Äußere Merkmale wie die Augen- und Haarfarbe sind zwar relevant, aber viel wichtiger ist die Frage, wie sensibel die Haut gegenüber UV-Strahlung ist.

Hauttyp
Haut
Augen
Haare
Sommersprossen
Bräunung
Eigenschutzzeit
I
Sehr hell, extrem empfindlich
Hell
Rotblond
Sehr häufig
Nie
ca. 15 Minuten
II
Hell, empfindlich
Blau, grau, grün, braun
Blond bis braun
häufig
Kaum bis mäßig
ca. 20 Minuten
III
Hell bis hellbraun
Grau oder braun
Dunkelblond bis braun
selten
Schneller als Typ II
ca. 30 Minuten
IV
Hellbraun, olivfarben
Braun bis dunkelbraun
Dunkelbraun
-
Schnell
ca. 40 Minuten
V
Dunkelbraun
Dunkelbraun
Dunkelbraun bis schwarz
-

ca. 60 Minuten
VI
Dunkelbraun bis schwarz
Dunkelbraun
Schwarz
-

ca. 80 Minuten
[13]

Sonnenschutz für Kinder ohne Wenn und Aber
Besonders Kinderhaut muss vor Sonne ausreichend geschützt werden. Im Gegensatz zur Haut von Erwachsenen ist sie nämlich um ein Vielfaches dünner. Zudem können noch nicht ausreichend Pigmente produziert werden, die zum körpereigenen UV-Schutz beitragen. Ein dritter Grund sind die UV-empfindlichen Stammzellen, die bei Kindern viel dichter an der Hautoberfläche liegen als bei Erwachsenen und somit stärker der UV-Strahlung ausgesetzt sind. Wird ein Sonnenbrand sichtbar, so ist die Haut bereits stark beschädigt, da die Rotfärbung bei Kindern zeitverzögert erscheint.

Quelle: https://www.melanom-wissen.de/sonnenschutz-bei-kindern/kinderhaut-vergisst-nichts


Eine entscheidende Phase für die Erkrankung an einem malignem Melanom (schwarzer Hautkrebs) ist das Kinder- und Jugendalter. Je mehr Sonnenbrände in dieser Lebensphase, desto größer ist das Risiko, im Erwachsenenalter an Hautkrebs zu erkranken. [14]

Wie kann man ausreichend Sonne tanken, sich aber gleichzeitig richtig schützen?
Wie eingangs erwähnt ist natürliche UV-Strahlung für einen ausreichend hohen Vitamin-D-Haushalt enorm wichtig. Auf der anderen Seite sind die negativen Seiten der UV-Strahlung keinesfalls zu unterschätzen. Nun stellt sich die Frage: Wie kann der Körper mit Hilfe des Sonnenlichts ausreichend Vitamin-D synthetisieren, um einem Vitamin-D-Mangel und dessen gesundheitsschädigenden Folgen vorzubeugen, ohne sich jedoch dem Risiko möglicher UV-bedingter Spätfolgen auszusetzten?
Laut Bundesamt für Strahlenschutz reicht es nach bisherigen Erkenntnissen bereits aus, Gesicht, Hände und Arme unbedeckt sowie ohne Sonnenschutzmittel zwei- bis dreimal in der Woche für circa 10 bis 15 Minuten den Sonnenstrahlen auszusetzten, sodass der Körper ausreichend Vitamin-D bilden kann. [15] Selbst bei bewölktem Himmel erreichen uns noch circa 80 % der UV-Strahlen. Demnach muss es nicht unbedingt die pralle Sonne sein, der wir uns aussetzen. [16] Die empfohlene Zeit orientiert sich entsprechend einer Faustregel an der Hälfte der Eigenschutzzeit. [17] „Gesundes Sonnenbaden“ ist daher neben dem Sonnenstand auch maßgeblich vom Hauttyp abhängig. Von überdosierter und unkontrollierter UV-Bestrahlung zum erhofften Zweck einer vermehrten Vitamin-D-Bildung oder auf Grund eines Vitamin-D-Mangels wird dringend abgeraten, da dies laut wissenschaftlicher Studien/Strahlenschutz lediglich das Risiko für UV-bedingte Gesundheitsschäden erhöht. [18] Es kommt demnach wie so oft auf die richtige Dosis an.
Abgesehen von den wenigen Minuten in der Woche, in denen UV-Strahlung auf ungeschützte Haut treffen darf bzw. soll, ist generell ein effektiver Sonnenschutz für alle Menschen, aber ganz besonders für Kinder und Jugendliche äußerst wichtig. Nur so können Sonnenbrände und daraus resultierende Spätfolgen vermieden werden.
Die Gesellschaft für Dermopharmazie spricht in dieser Hinsicht im Rahmen des sogenannten Lichtschutz-ABC´s eine Empfehlung aus: [19]

Lichtschutz-ABC

A = Ausweichen
B = Bedecken
C = Cremen

Daran anknüpfend werden aus Hautärztlicher Perspektive sowie aus der Sicht verschiedener dermatologischer Verbände entsprechende Sonnenschutzregeln ausgeführt. Die folgende Übersicht [20] fasst die wichtigsten Regeln zusammen. Wer sich an diese Regeln hält, beugt dem Risiko folgenschwerer Hautschädigungen vor und  kann die Sonnenstrahlen auch im Sommer guten Gewissens genießen.
Generell gilt jedoch: Vernunft und Verstand sind der beste Sonnenschutz!


Sonnenschutzregeln

Verhalten

  • Die Zeit in der Sonne langsam steigern
  • Die Mittagssonne zwischen 11 Uhr und 15 Uhr von April bis Oktober meiden
  • Babys und Kleinkinder niemals der direkten Sonneneinstrahlung aussetzen
  • Aufenthalt nach Möglichkeit im Schatten > Achtung: Auch dort ist man nicht 100 % vor UV-Strahlung geschützt
  • Exzessives und langes Sonnenbaden vermeiden
  • Keine Nutzung von Solarien
Kleidung

  • Textiler Sonnenschutz durch lange und weite Kleidung
  • Die Augen mit einer Sonnenbrille schützen
  • Den Kopf bedecken

Sonnenschutzmittel

  • Alle unbekleideten Hautpartien mit Sonnenschutzmittel eincremen
  • Sonnenschutzmittel etwa 30 Min. vor dem Sonnenaufenthalt reichlich und gleichmäßig auftragen
  • Mehrmals am Tag nachcremen
  • Erneutes Eincremen nach sportlichen Aktivitäten, einem Aufenthalt im Wasser oder dem Abtrocknen nicht vergessen


Spagat zwischen Theorie und Praxis
Die Regeln im Hinblick auf einen angemessenen Sonnenschutz scheinen unkompliziert und verständlich. Man sollte demnach eigentlich davon ausgehen können, dass diese recht einfach umzusetzen/zu befolgen sind.  
Umso verwunderlicher ist es, dass das Thema Sonnenbrand ein beständiges Problem ist (und bleibt). Ganz zu schweigen von den steigenden Zahlen bzgl. Hautkrebserkrankungen im Alter oder sonstigen Spätfolgen - verursacht durch die UV-Strahlung. [21]
Selbst Kinder leiden bereits an überdosierter und offenbar unzureichend geschützter Sonneneinstrahlung und bleiben von Sonnenbränden nicht verschont, obwohl es gewiss kein Geheimnis ist, dass der Sonnenschutz gerade im Kindesalter eine noch wichtigere Rolle spielt als dies im fortgeschrittenen Lebensalter der Fall ist.
Eine selbstdurchgeführte Umfrage mit 24 Kindern einer Grundschulklasse in der Nähe von Heidenheim lässt diesbezüglich aufhorchen. 13 von 24 Drittklässlern gaben an, bereits mindestens einen Sonnenbrand gehabt zu haben. Und das im jungen Alter von gerade einmal acht bzw. neun Jahren. Zudem konnten nur wenige Kinder auf die Frage „Was ist Sonnenbrand?“ angemessen antworten.  (siehe Video)


Eine Umfrage der Europäischen Hautkrebsstiftung (ESCF) bei rund 3.400 Familien bestätigt das ernüchternde Ergebnis unserer kleinen Stichprobe. Jedes fünfte Kind im Kindergartenalter hatte demnach schon einmal einen Sonnenbrand. Der Vorsitzende des ESCF gab dazu folgendes Statement ab: „Viele Eltern unterschätzen offenbar die Gefahr der UV-Strahlen. Dabei sind viele Sonnenbrände der größte Risikofaktor überhaupt, später im Leben an Hautkrebs zu erkranken.“ [22]
Anhand der Umfragen wird deutlich, dass generell ein großer Aufklärungsbedarf zu bestehen scheint. Und das, obwohl anzunehmen ist, dass die Sonnenschutzregeln vielen Menschen bekannt sind, ebenso wie mögliche (schwerwiegende) Folgen von zu hoher Sonneneinstrahlung.

Woran liegt es also, dass dieses Wissen nicht ausreichend beachtet und die so einfach klingende Theorie nicht in die Praxis umgesetzt wird?
Häufig fehlt anscheinend das Bewusstsein über die Ernsthaftigkeit der Thematik. Hautkrebserkrankungen im Alter führt wohl kaum einer auf die Sonnenbrände im Kindesalter zurück. Selbst wenn das Bewusstsein doch aufkommt, ist es längst zu spät und nicht mehr änderbar.
Genau aus diesem Grund und weil Kinder viel Zeit im Freien verbringen, ist es umso wichtiger möglichst früh mit der Aufklärung zu beginnen. Bereits im Kindergarten- bzw. Grundschulalter sollte ein gesundheitsbewusstes Verhalten vermittelt werden, um einen sorglosen Umgang mit der Sonne zu verhindern. Je eher Kinder den sorgsamen Umgang mit der Sonne lernen, desto selbstverständlicher wird er für sie.

Doch wer trägt überhaupt die Verantwortung für genau diese Aufklärung?
Sind es die Eltern oder ist es die Aufgabe des Kindergartens oder der Schule bzw. der Lehrerinnen und Lehrer?
Einige Lehrerinnen der Heidenheimer Grundschule wurden diesbezüglich mit der Frage „Welche Rolle spielt das Thema Sonnenbrand bzw. Sonnenschutz in Ihrem Unterricht bzw. generell in der Grundschule“ konfrontiert. Folgende Aussagen kamen zustande:


Das Thema Sonnenschutz ist kein extra Thema im Unterricht und auch zum Thema Sonnenbrand erzählen die Kinder höchstens mal nach den Ferien was. Aber sonst spielt das Thema eher weniger eine Rolle in meinem Unterricht. Dafür wäre auch gar nicht die Zeit.“



„Viele Kinder wissen schon was Sonnenbrand ist. Es ist aber die Aufgabe der Eltern oder von Zuhause allgemein, mit den Kindern über richtigen Sonnenschutz zu sprechen. Als extra Thema schneiden wird das im Sachunterricht nicht an.



„Bei uns wird kurz vor Ausflügen im Sommer über Eincremen gesprochen und dass man eine Mütze aufsetzten soll. Ansonsten wird das Thema meist im Kindergarten bereits behandelt, deswegen machen wir gar nichts konkret dazu.“

Welche Stellung bezieht ihr zu den drei Aussagen bzw. was sind allgemein eure Meinungen zu der Verantwortungs- bzw. Aufklärungsfrage?


Im Rahmen der Recherche bzgl. der Aufklärung zum Thema Sonnenschutz sind wir auf einige interessante Initiativen und Methoden gestoßen, um den Kindern die Wichtigkeit von Sonnenschutz zu vermitteln.

NIVEA SUN Sonnenpuppe Lotte & Max
NIVEA entwickelte eine Puppe, mit der Kinder anschaulich und kindgerecht lernen, weshalb Sonnenschutz für ihre Haut so wichtig ist.
Die Sonnenpuppe (ca. 19 cm groß) ist aus Spezialkunststoff gefertigt, welcher auf UV-Strahlung reagiert. Der dabei auftretende Sonnenbrandeffekt ist bis zu 100 Mal wiederholbar. Ein Song soll den Lerneffekt zusätzlich unterstützen. [23] 

Auf den ersten Blick scheint die Idee der Sonnenschutz-Kampagne kreativ und vielversprechend. Man sollte jedoch bedenken, dass NIVEA diese Initiative neben der Aufklärungsintention höchstwahrscheinlich auch für Werbezwecke („Sonnenpuppe gratis beim Kauf von zwei NIVEA SUN Produkten“) nutzt und deshalb mit kritisch hinterfragt werden sollte. 

UV-Perlen
UV-Perlen sind weiße Kunststoffperlen, die sich bei Bestrahlung mit UV-Licht bunt verfärben. Mit Hilfe dieser Perlen können einfache Experimente durchgeführt werden, die den Kindern die Relevanz von Sonnenschutz verdeutlichen.
So lässt sich beispielsweise gut veranschaulichen, dass UV-Strahlung sogar bei nebligen und wolkigen Wetterbedingungen vorhanden ist und wie stark die Intensität  bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen, wie etwa im Schatten, ist.
In einem weiteren Experiment kann die Wirkung unterschiedlicher Sonnenschutzfaktoren von Sonnencremes untersucht werden. Auch können Textilartikel wie Sonnenbrillen oder Kleidung im Hinblick auf Sonnenschutz überprüft und getestet werden. Im Dunkeln werden die Perlen recht schnell wieder farblos, sodass die Versuche beliebig oft wiederholt werden können.
[24]

Quelle: http://www.wissenswertes.biz/uv-empfindliche-perlen-50-stuck.html
Zeitung bleichen
Die Wirkung von Sonnenschutzmitteln kann auch mit Hilfe einer Zeitung und mehreren Objektträgern untersucht werden, falls keine UV-Perlen zur Verfügung stehen. Die Versuchsdurchführung dauert in diesem Fall jedoch deutlich länger.
Die Objektträger, welche gleichmäßig dünn mit Sonnenschutzmittel unterschiedlichen Lichtschutzfaktors bestrichen wurden, werden hierfür nebeneinander auf die Zeitung gelegt. Circa eine Woche muss das Zeitungspapier dann der Sonne ausgesetzt sein. Anschließend werden die Objektträger entfernt und der Vergilbungsgrad der Versuchsstellen kann verglichen werden. [25]


Nun interessiert uns natürlich eure Meinung. Sind die vorgestellten Methoden sinnvoll? Sollten diese zu Hause, im Kindergarten oder in der (Grund)schule zum Einsatz kommen?
Auch bleibt die Frage offen, wer denn generell in der Verantwortung steht. Sind es die Eltern, die ihre Kinder eingecremt in die Schule schicken sollten oder sollte dies im Rahmen gemeinsamer Eincremezeiten in der Schule geschehen? Vor allem im Hinblick auf den Sportunterricht im Freien, den Aufenthalt auf dem Pausenhof oder bei Ausflügen wächst die Bedeutung der Frage.
Wie habt ihr Sonnenschutz in eurer Kindheit erlebt? Wie steht ihr heute zu diesem Thema und welche Ideen habt ihr zu Aufklärung und Umsetzung?
Wir sind sehr gespannt auf eure Meinungen und Ideen rund um das Thema!


Referenzen:
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S. 182. Hallbergmoos: Aulis Verlag Deubner./
Deutscher Verlag für Gesundheit und Ernährung (URL): Was ist Osteoporose? URL: http://osteoporose.behandeln.de/was-ist-osteoporose.html?gclid=EAIaIQobChMIlq6Cwe-m1gIViJPtCh14LQ1kEAAYASAAEgKvYPD_BwE;
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[24]
Unterricht Biologie. Visitenkarte Haut. Heft 292. Februar 2004, 28. Jahrgang, Karla Etschenberg (Hrsg.) S. 36 ff. /
Experimentierset Sonnenschutz: Lehrmittelproduktion (URL): Sachunterricht – Naturphänomene; URL: http://www.lehrmittel-produktion.de/LMP/detail.php?nr=864&rubric=Sachunterricht&PHPSESSID=5a46c569b52e6c8110d15a23fab32eeb; [abgerufen am: 20.8.17].