Donnerstag, 13. Juli 2017

Die bewegte Schule - welche Effekte hat das Projekt auf Schüler und Schülerinnen? Wie können wir das Projekt umsetzen?




Thema: Die bewegte Schule – welche Effekte hat das Projekt auf Schüler und Schülerinnen?
Verfasst von: Sarah Dürr


Die bewegte Schule

Dass Sport nicht das Lieblingsfach aller Schüler ist und viele Kinder dem offenen Wettkampf gerne entgehen würden, ist keine Neuigkeit. Dieses Thema sorgte in den letzten Jahren für heftige Diskussionen in unseren Medien. Es geht um die Bundejugendspiele – sind sie eine Zumutung für Kinder? Die Mutter eines Drittklässlers erzählte, dass ihr Sohn mittags weinend nach Hause kam. Sie forderte daraufhin von der Bundesfamilienministerin Schwesig die Abschaffung der Bundesjugendspiele und bekam sehr viel Zustimmung. [1]
Den Bundesjugendspielen liegt zu Grunde, dass junge Menschen sehr unterschiedliche Motive haben, Sport zu treiben. Mit den Spielen sollen die Grundsportarten systematisch an Kinder herangeführt werden. Dabei orientieren sich die Bundejugendspiele an den Grundformen der Bewegung und berücksichtigen dabei die Prinzipien der Vielseitigkeit und der Wahlmöglichkeit. [2]
Natürlich ist es schöner, mehr Erfolg zu haben als umgekehrt. Jedoch muss man bedenken, dass Kinder, welche auf dem Sportplatz glänzen, möglicherweise in Mathe oder Englisch die schlechteren Karten ziehen. Sollten wir diesen Kindern ihr Erfolgserlebnis nehmen? Ist der Sport und die Bewegung nicht mindestens genauso relevant und wichtig wie die mathematischen oder sprachlichen Leistungen?
Der Wettkampf ist ein deutlicher Ansporn sich zu bewegen. Die Anforderungen für die Siegerurkunde sind nicht zu unterschätzen. Bewegung ist zudem etwas grundlegend Wichtiges im Leben, vor allem im Schulkindalter, da diese sehr viel Zeit im Sitzen verbringen. Ein Vormittag an der frischen Luft, an dem man sich auch noch sportlich betätigt, kann deswegen nichts Schlechtes sein.
Der Wettkampf bereitet die Kinder auf ihr zukünftiges Leben vor, die Kinder lernen sich damit auseinanderzusetzen, mit dem Gewinn oder dem Verlieren umzugehen und sich mit dem Wettkampfgedanken zu beschäftigen.
Es kann natürlich auch sein, dass die Bundesjugendspiele und deren breitgefächertes Angebot einige Schüler dazu bewegt sich intensiver mit einer Sportart auseinanderzusetzen und mit ihren Eltern zu trainieren oder in einen Verein einzutreten. Das ist für die Gesundheitsförderung und die Gesundheitserziehung definitiv wünschenswert.
Um es auf den Punkt zu bringen: Bewegung ist wichtig für Schüler. Die ständige Veränderung unserer „zivilisierten Welt“ hat dazu geführt, dass sich auch die Bewegungssituation geändert hat. Die Zeit der verringerten Bewegung hat einen neuen Risikofaktor für die Gesundheit hervorgerufen. Gesundheitliche Störungen und psychologisch-soziale Probleme können durch die Einschränkung der kindlichen Bewegungsbedürfnisse auftreten. Kinder haben offensichtlich in verschiedenen Bereichen wie, Balancieren, Hangeln, Klettern, Werfen, Fangen und bei der Körperspannung Schwierigkeiten.[3] Darüber hinaus gibt es immer mehr Kinder und Jugendliche mit Übergewicht, wie man Tabelle 1 entnehmen kann.
Tabelle 1 Entwicklung von Übergewicht, Motorischen Defiziten und Rückenschmerzen bei Kindern


Gerade diese mangelnde Bewegung behindert die optimale Leistungsfähigkeit und Leistungsmotivation der Schüler. Körperliche Bewegung wirkt sich positiv auf die Hirndurchblutung und auf die geistige Aktivierung aus. Es kommt bei Bewegung zu einer verbesserten Sauerstoffversorgung und zu einem vermehrten Energiestoffwechsel im Gehirn, da Bewegung die Durchblutung fördert. Die Bewegung hat Einfluss auf die synaptische Verschaltung von Nervenzellen im kindlichen Gehirn. Vor dem 8.-10. Lebensjahr, werden Nervenzellen und deren synaptische Verschaltungen durch Bewegung stimuliert und erhalten. Defizite können später nicht mehr aufgehoben werden. Um eine optimale Entwicklung für Körper und Geist hervorzurufen, ist ausreichende Bewegung eine Grundvoraussetzung. Sie fördert nicht nur die Koordination und Motorik, sondern hat auch nachgewiesen positive Auswirkungen auf Gedächtnisbildung, geistige Leistungsfähigkeit und das Lernen insgesamt.
Hyperaktivität, Koordinationsschwäche, Aufmerksamkeitsstörungen und geringe Frustrationstoleranz sind vermehrt auftretende Verhaltensweisen von Kinder in der Schule. Dies kann durch Bewegungsmangel hervorgerufen werden.
Es liegt auch an der Schule auf die verändernden Bedingungen unserer Gesellschaft zu reagieren. Was kann eine Schule also dagegen tun?

Projekt bewegte Schule

Anlass für die Entwicklung des Konzepts einer bewegten Schule ist Mitte der 80er Jahre bereits entstanden, als es zu einer erschreckenden Zunahme der Rückenbeschwerden bei Kindern und Jugendlichen kam.[4] Der Grund dafür wird in der mangelhaften Sitzhaltung der Kinder und dem mangelhaften Mobiliar, das nicht an die Körperproportionen der Kinder angepasst ist, vermutet.
Das Projekt der „Bewegten Schule“ soll einen Beitrag zur Gesundheitserziehung bieten.
Das Projekt macht es sich zur Aufgabe, unter dem Projektnamen „Bewegte Schule“ ganzheitliches Lernen zu fördern, Schulleben zu gestalten und Schulentwicklung zu unterstützen. Bewährte Unterrichtsmethoden sollen dabei nicht verdrängt werden, sondern neue Möglichkeiten der methodischen Vielfalt erschaffen werden. Der Grundbaustein sollen dabei umfangreiche und vielfältige Wahrnehmungs- und Bewegungserfahrungen sein. Dies soll im Schulleben fest verankert werden. Die Idee einer bewegten Schule hat inzwischen breite Akzeptanz gefunden und wird an vielen Schulen umgesetzt.  Auch in Baden-Württemberg haben sich bereits zahlreiche bewegte Schulen gebildet um den großen Stellungswert der Bewegungserziehung deutlich zu machen.
Natürlich kann jede Schule das Konzept der bewegten Schule frei gestalten und die Akzente an unterschiedlichen Stellen setzen. Einige Richtlinien helfen dabei, den Schulalltag und den Unterricht umzugestalten und bewegungsfreudiger zu machen. Neben dem Schulsport und dem außerunterrichtlichen Sport kristallisieren sich jedoch einige Bausteine heraus, die in Tabelle zusammengefasst werden.


Tabelle 2 Bausteine der bewegten Schule
Bewegtes Sitzen

Bewegtes Lernen ist ein aktiv handelndes Lernen, ein Lernen mit allen Sinnen

Bewegungspausen im Unterricht
Die bewegte Pause
Mit der Vermittlung von Kenntnissen über grundlegende biologische Zusammenhänge sowie über Anforderungen an eine ergonomische Arbeitsplatzgestaltung, auch die Möglichkeit der Nutzung von Hilfsmitteln (Keilkissen, Pultaufsatz, u. a.).

Bei dem zum Beispiel Zahlen, Buchstaben, Begriffe von einzelnen Kindern oder in Kleingruppen dargestellt oder mit verschiedenen Materialien hergestellt und erprobt werden.

Werden zeitlich flexibel
und situativ angemessen zur Aktivierung, Beruhigung oder Entspannung eingesetzt; mit der Zielsetzung einer Rhythmisierung des Unterrichts kommen neben Bewegungsaktivitäten Stille-Übungen und Aufgaben zur Förderung der Entspannung zum Einsatz. Die Kinder sollten für die Notwendigkeit von Bewegungspausen sensibilisiert, mit möglichen Inhalten vertraut gemacht und zu deren selbstständiger
Gestaltung befähigt werden.

Bezieht sich
auf die Bewegungsaktivität auf dem Schulhof. Voraussetzung hierfür ist eine anregende, auch variable Gestaltung des Schulgeländes mit unterschiedlichen Funktionsräumen (Spielzone, Ruhezone, etc.) und für verschiedene Altersstufen und Interessen


Bewusstmachung und Förderung eines ‚bewegten‘, aktiv-
dynamischen Sitzens im Unterricht, auch mit der Erlaubnis einer alternativen Nutzung
des herkömmlichen Mobiliars und Wechsels der Sitzgelegenheiten usw.
Aufgaben nur in Kombination mit Bewegungsaktivitäten entgegengenommen, gelöst und / oder kontrolliert werden können (Laufdiktat, Rechengymnastik, u. a.).

Organisatorisch sind geeignete Materialien bereitzuhalten; außerdem muss entschieden werden, welche Räume genutzt werden können, ohne andere Klassen zu stören.

ansprechenden Geräten und Materialien. Bewegungsaktivitäten müssen erlaubt, eindeutig geregelt, gegebenenfalls betreut
werden.

dabei wird auch auf eine den aktuellen Erfordernissen entsprechende (Um-) Gestaltung der Anordnung von Tischen
und Stühlen geachtet.
Im Rahmen von Projektunterricht werden komplexe Fragestellungen praktisch handelnd
erarbeitet.




Weitere Information findet ihr im folgenden Filmclip.

Um das Projekt der bewegten Schule sinnvoll umsetzen zu können, werden drei Handlungsfelder kombiniert: Steuern und Organisieren, Lern- und Lebensraum Schule und Unterrichtsqualität.
Steuern und Organisieren: Die gesamte Schulorganisation muss im Sinne der Bewegten Schule geändert werden und das Konzept muss passen. Dazu kann zum Beispiel die Rhythmisierung des Schulalltags geändert werden, der 45-Minuten Takt auflösen und klassenbezogene Bewegungspausen können während den Unterrichtsblöcken eingebaut werden. Dazu werden auch die fünf-Minuten-Pausen aufgehoben und damit die große Pause verlängert. Wichtig ist, dass die Lehrkraft vollkommen hinter dem Projekt steht. Sie muss sich mit dem Modell identifizieren können und die Bereitschaft dazu zeigen, zum Beispiel durch Fortbildung und Schul-, Unterrichtsentwicklung.
Lern- und Lebensraum Schule: Natürlich muss auch die Schule an sich einige Veränderungen erfahren. Die Arbeitsbedingungen sollten gesundheitsfördernd sein, so soll es zum Beispiel höhenverstellbare Stühle und Tische geben. Es sollte genügend Rückzugsmöglichkeiten und Bewegungsräume für die Schüler geben und reizvolle Spielgeräte, mit denen sich Schüler auch gerne in den Pausen beschäftigen. Darüber hinaus sollen auch die Arbeitsplatzbedingungen der Lehrkräfte verbessert werden, um zu einer Berufszufriedenheit beizutragen.
Unterrichtsqualität: Lernen soll durch bewegende und bewegungsbegleitende Aktivitäten für SchülerInnen motivierender und wirkungsvoller gelingen. Die Selbsttätigkeiten der SchülerInnen sollte gefördert werden, indem die Arbeitsformen und Methoden sie dazu auffordern. Ein Wechsel der Unterrichtsorte kann durchaus auch förderlich sein.
Eine Studie von Breithecker und Dordel (2003) hat ergeben, dass sich die Leistungsfähigkeit von Klassen über den Schultag halten bzw. verbessern kann, indem das Konzept der bewegten Schule angewendet wird. Abbildung 1 zeigt drei vergleichbare Klassen, welche verschiedenen Unterrichtskonzepten ausgesetzt werden. Im Schulleben der Klasse A wird kaum Bewegung zugelassen. Die Aufmerksamkeit nimmt bereits ab der dritten Stunde ab. In Klasse B kann durch Bewegungspausen die Aufmerksamkeit über den Schultag erhalten werden. Die Klasse C folgt allen Facetten der bewegten Schule und zeigt eine Steigerung der Aufmerksamkeitsleistung.

Abbildung 1 Aufmerksamkeitsleistung im Schulalltag. Klasse A: kaum Bewegung, Klasse B: Bewegungspausen, Klasse C: bewegte Schule
Wertung der Aufmerksamkeitsleitung anhand des Tests d2 Brickenkamp 2002: 2 = unterdurchschnittlich, 3 = durchschnittlich, 4 = überdeurchschnittlich, 5 = weit überdurchschnittlich, 6 = weit üvberdurchschnittlich, außerhalb des durch die Normierung erfassten Bereichs

Welche Effekte hat also das Projekt der bewegten Schule? Was meint ihr dazu?
·         Kann die motorische Leistungsfähigkeit verbessert werden? Inwiefern?
·         Können sich Kinder, die sich an einer bewegten Schule befinden besser konzentrieren und damit bessere Leistungen erzielen?
·         Sind die Kinder einer bewegten Schule sozial kompetenter? Was hat die Bewegung mit der Kontaktfähigkeit zu tun?
·         Werden Kinder selbstständiger wenn sie sich mehr bewegen und haben sie eine veränderte Einstellung zu sich selbst?
·         Ändert sich die aktuelle Befindlichkeit der Kinder an den bewegten Schulen?
·         Haben sie eine höhere Lernfreude und Schulzufriedenheit? Warum?
Als angehende Lehrkräfte wollen wir Möglichkeiten und Ideen erhalten, funktionierende Projekte zu unterstützen. So möchte ich als Hilfestellung eine Idee der deutschen Kinderturnstiftung vorstellen. Damit können wir auf einfache Weise die Bewegung in unseren Unterricht einbauen und ausprobieren.


Bewegung im Unterricht

Konkrete Beispiele
Die Kinderturnstiftung Baden-Württemberg unterstützt Schulen und Kindergärten und auch private Interessenten bei der Durchführung oder Planung von bewegungsorientierten Tagen. Erzieher können sich bei ihnen fortbilden lassen, die Kinderturnstiftung geht auf Tour und stellt mit ehrenamtlichen Helfern einige Stationen zur Verfügung bei denen Kinder verschiedene Bewegungsformen kennenlernen können. Darüber hinaus kann auf der Seite viel Interessantes rund um das Thema Bewegung speziell für Eltern, Erzieher oder Lehrer gefunden werden.
Auf der Internetseite der Kinderturnstiftung[5] wird ein Stundeneditor für Lehrkräfte angeboten, mit dem man bewegte Schulstunden planen und durchführen kann (Abbildung 2). Hier können auch Stunden vorgeschlagen werden und Praxis-Tipps zur Weiterentwicklung eingereicht werden.


Abbildung 2 Stundeneditor der Kinderturnstiftung BW

Es kann ausgewählt werden welche Räumlichkeiten man zur Verfügung hat (Gemeinschaftsraum, Turnhalle, Draußen etc.), welche Zeit das Spiel/die Übung einnehmen soll, welche Geräte zur Verfügung stehen (Großgeräte, Alltagsmaterialien, etc.) und für welche Altersgruppe dies passend sein sollte. Dabei gibt es zwei Altersgruppen: 6-10 Jahre und >10 Jahre. Darüber hinaus kann man das Ziel (Ausdauer, Koordination, Kraft etc.) und das Thema festlegen. Man kann aber auch eines oder mehrere der Bereiche weglassen und die Vorschläge umsetzen, ohne sich einzugrenzen.
Hat man sich für ein Spiel entschieden, wird dies automatisch als PDF gespeichert.
Ein Beispiel:
Räumlichkeiten: Draußen/Natur; Geräte: Alltagsgegenstände. Uns werden verschiedene Spiele/Bewegungen angeboten. Zum Beispiel das Wäscheklammerspiel (siehe Anhang 1)
Setzt man sich im Unterricht gerade mit Tieren auseinander, kann man auch Tierthemen mit Bewegung behandeln. Die Kinderturnstiftung hat die Kinderturnwelt Wilhelma entwickelt und thematisiert dies deshalb immer wieder. Wer mehr dazu erfahren möchte, kann dies auf der Seite der Kinderturnwelt Baden-Württemberg nachlesen.
Ein Beispiel zum Tierthema:
Geräte: Alltagsgegenstände; Thema: Tierthema
Ausgesuchtes Spiel: Die Elefantendame Veda ist stark (siehe Anhang 2)

Probiert den Stundeneditor und gerne auch die vorgeschlagenen Spiele aus. Habt ihr das Gefühl diese könnten sinnvoll in den Unterricht mit eingebaut werden? Können die oben gestellten Fragen mit Hilfe dieser Stundenverlaufspläne beantwortet werden?



Literaturverzeichnis

·         http://vspram.eduhi.at/downloads/BS_Gesundheitsfoerderung.pdf