Friedrich von Bodensted
| Abbildung 1 Schematische Darstellung der Einteilung des therapeutischen Reitens |
|
|
|
Beim Heilpädagogischen Reiten steht der Fokus nicht auf der reitsportlichen Ausbildung, sondern auf der Förderung in allen Bereichen des Umgangs mit dem Pferd. Das beinhaltet zum Beispiel die Pflege, das Misten und das Füttern des Pferdes aber auch Bodenarbeit, Führübungen oder Reiten. Durchgeführt wird das Heilpädagogische Reiten von ausgebildeten Reitpädagogen, die individuelle Übungen auswählen.
Die Wirkung des Heilpädagogischen Reitens sind vielfältig:
Wirkung von Heilpädagogischem Reiten Fallbeispiel Auswirkungen des Heilpädagogischen Reitens anhand eines Fallbeispiel dargestellt. Therapiert wurde einen 17-jähriger Junge, bei welchem ausgeprägtes autistisches Verhalten, ausgeprägt Verhaltensstörung mit Kontaktproblemen, extreme Angstreaktion, zentrale Wahrnehmungsstörung und ein psychischer und geistiger Entwicklungs-rückstand diagnostiziert wurden. Der Junge im Fallbeispiel sprach sehr selten von sich aus, hatte sehr sensible Sinne und verbachte seine Freizeit gerne in der Natur. In der Schule nahm er keinen Kontakt zu anderen Mitschülern auf und wandte sich bei Kontaktversuchen meist ab. Im Unterrichtsgeschehen nahm er kaum teil und war gefühlsmäßig und gedanklich häufig abwesend. Wenn er motiviert war, konnte er selbständig arbeiten und in Zweiwortsätzen sprechen Aufgrund dieser Ausgangslage wurden für das Heilpädagogische Reiten verschiedene Ziele festgelegt. Ein Teilziel umfasste die Anbahnung einer Beziehung zum Pferd, sodass er dadurch aus seiner „autistischen Welt“ auftauchen kann. Die Beziehung zum Pferd kann dabei als Vorstufe zur zwischenmenschlichen Kontaktaufnahme angesehen werden. Während des Heilpädagogischen Reitens wurde sehr kleinschrittig vorgegangen, um den Jungen nicht zu überfordern. Außerdem blieb der Ablauf der Lektionen weitgehend gleich, da autistische Menschen ein starkes Bedürfnis nach Konstanz ihrer Umwelt besitzen. Innerhalb der Lektionen bestanden Differenzierungsmöglichkeiten. Der Ablauf der Therapieeinheit war wie folgt: 1. Gemeinsam zum Pferd gehen 2. Begrüßung der Pferde außerhalb des Geheges 3. Zu den Pferden ins Gehege gehen 4. Futter vorbereiten und Pferde füttern 5. Spazierengehen (Später auch Reiten) 6. Pferde weiden lassen 7. Abschied von den Pferden Die Reitpädagogin hatte dabei vor allem die Rolle der Vorbildfunktion und des Stabilisators. Wichtig war eine insgesamt entspannte und lockere Atmosphäre, sodass sich der Junge wohlfühlte. Im Laufe des heilpädagogischen Reitens (einem Beobachtungszeitraum von fünf Monaten) stellte die Reitpädagogin fest, dass der Junge es immer länger schaffte seine Aufmerksamkeit beim Pferd und der Sache zu behalten. Außerdem traute er sich nach einigen Stunden, sich immer weiter einem angebundenen Pferd zu nähern und neben einem Pferd herzugehen. Jedoch hielt er bei den freilaufenden Pferden immer Sicherheitsabstand. Den Körperkontakt mit dem Pferd beim Reiten akzeptierte er und war teilweise bereit das Pferd mit seiner Hand zu streicheln. Zwar fasste er somit kein umfassendes Vertrauen zum Pferd, begann aber eine Beziehung zum Pferd aufzubauen und führte Handlungen nach einigen Wiederholungen selbständig aus. In der Schule war er nach dem Heilpädagogischen Reiten gelöst, entspannt, offener und aufnahmefähiger. Er redete sogar manchmal über Dinge, die ihn beschäftigten und ließ Körperkontakt, wie streicheln oder in den Armnehmen, von der Lehrkraft zu. Auch zu seinen Mitschüler*innen nahm er Kontakt auf. Im Unterrichtsgeschehen konnte er längere Zeit teilnehmen. Sogar in seiner Freizeit beobachtete er die Pferde manchmal auf der Koppel. Somit macht er eine positive Veränderung. Schlussfolgernd lässt sich festhalten, dass das Ziel einer Anbahnung und Aufbau einer Beziehung zum Pferd und zeitweise Auflösung der autistischen Abkapslung teilweise erreicht wurde. Der Junge zeigte Motivation im Umgang mit dem Pferd und war offener im Umgang mit Menschen. Damit hat das Heilpädagogische Reiten einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Jungen beigetragen. (vgl. Eberle-Gäng, 2015, S. 189 ff.)
Fazit Die Diagnose der Autismus-Spektrum-Störung steht in diesem Blogbeitrag exemplarisch für die Arbeit mit Menschen mit geistigen Behinderungen. Die Auswirkungen des Heilpädagogischen Reiten bewähren sich laut Literatur aber auch bei Kindern mit anderen Diagnosen. Bei weitergehendem Interesse empfehlen wir die Bücher aus der Literaturliste und die unter dem Blogbeitrag aufgeführte weiterführende Literatur. Zusammenfassend kann das Heilpädagogische Reiten eine sinnvolle Maßnahme für die Erziehung und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung eingesetzt werden. Im Sinne der Gesundheitsförderung von Kindern mit geistiger Behinderung kann das heilpädagogische Reiten somit einen wichtigen Betrag leisten, da körperliche, geistige, emotionale und soziale Faktoren positiv beeinflusst werden, was sich wiederum in einem allgemein verbesserten Wohlbefinden der Kinder widerspiegelt. Das Glück dieser Erde kann folglich tatsächlich auf dem Rücken der Pferde liegen
Weiterführende Literatur Im Folgenden haben wir zwei interessante Bücher aufgeführt (welcher online in der PH Bibliothek zur Verfügung stehen), die über das Thema Heilpädagogisches Reiten hinaus gehen.
Svea Bundschuh und Johanna Lutze Literaturverzeichnis Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V. (2005). Heilpädagogisches Voltigieren und Reiten - Grundlagen . München: Hans Kock Buch-udn Offsetdruck GmbH. Eberle-Gäng, S. (2015). Aufbau einer Beziehung zum Pferd: eine Maßnahme für die Entwicklung und Erziehung von Menschen mit geistiger Behinderung. In M. Gäng (Hrsg.), Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren (Bd. 7. Auflage). München: Ernst Reinhardt GmbH & Co KG. Ihm, V. (2010). Heilpädagogisches Reiten und Entwicklungsförderung. Hademstorf:Verlag FREIMUT & SELBST. Kamp-Becker, I. (27. Januar 2018). Update zu Diagnose und Differentialdiagnosen der Autismus-Spektrum-Störung. Abgerufen am 31. Oktober 2021 von https://www.stiftung-liebenau.de/fileadmin/benutzerdaten/bildung/pdf/04_Mediathek/Autismus/bildung-autismus-kamp-becker-2018.pdf Kaune, W. (2006). Das Heilpädagogische Voltigieren und Reiten für Menschen mit geistiger Behinderung. Warendorf: FNverlag. Kiehne, H. (2019). Schatzkiste Reiten, Führen, Voltigieren. Lustige Spiele und Übungen mit Kindern (Bd. 2. Auflage). München: Ernst Reinhardt GmbH & Co KG. Pickartz, A. (2006). Tapfer Evalutionsstudie zur Wirksamkeit von heilpädagogischem Reiten bei Kindern mit autistischen Störungen. Kürsten-Biestfeld: Institut quer. Abbildung 1 Schematische Darstellung der Einteilung des therapeutischen Reitens (vgl. Kaune, 2006, S.13) Abbildung 2 Heilpädagogisches Reiten (https://www.svz.de/ratgeber/eltern-kind/ich-sitze-auf-einer-wolke-id9722121.html, 29.10.2021) Abbildung 3 tapfer Studie (Pickartz, 2006, S.1) Abbildung 4 Evaluationsdesign (Pickartz, 2006, S.23) Abbildung 5 Veränderung der Entwicklungsindizes (Pickartz, 2006, S.36) |