Mittwoch, 8. Dezember 2021

Heilpädagogisches Reiten

„Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.“ 
Friedrich von Bodensted
 
Welche Wirkung hat Heilpädagogisches Reiten bei Kindern mit einer sogenannten geistigen Behinderung? 
 
Die ersten Reiterfahrungen des Menschen reichen über 2000 Jahre zurück. Galt das Pferd damals vorwiegend als Kriegspferd, Ritterpferd oder Lastenträger, wird es seit den 1960er Jahren zunehmend auch im Bereich der Medizin und Psychotherapie eingesetzt (vgl. Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V., 2005, S. 6). Das sogenannte Therapeutische Reiten wird unterteilt in die Hippotherapie (physiotherapeutische Maßnahmen), den Reitsport für Behinderte (Reitsport als Freizeitbeschäftigung) und das Heilpädagogische Reiten, auf das im Folgenden genauer eingegangen wird. 
 
Abbildung 1 Schematische Darstellung der Einteilung des therapeutischen Reitens
 


Heilpädagogisches Reiten
 
Heilpädagogisches Reiten umfasst heilpädagogische Maßnahmen mit dem Pferd, wodurch Kinder, Jugendliche und Erwachsene ganzheitlich (körperlich, geistig, emotional und sozial) und individuell gefördert werden. Zielgruppe sind Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen, z.B. Lernbehinderungen, psychischen Erkrankungen oder geistigen Behinderungen. Es werden psychologische, therapeutische und rehabilitative sowie pädagogische, heilpädagogische und sozio-integrative Einflussnahmen genutzt, um diesen Menschen zu helfen und sie zu fördern.

Abbildung 2 Heilpädagogisches Reiten

Beim Heilpädagogischen Reiten steht der Fokus nicht auf der reitsportlichen Ausbildung, sondern auf der Förderung in allen Bereichen des Umgangs mit dem Pferd. Das beinhaltet zum Beispiel die Pflege, das Misten und das Füttern des Pferdes aber auch Bodenarbeit, Führübungen oder Reiten. Durchgeführt wird das Heilpädagogische Reiten von ausgebildeten Reitpädagogen, die individuelle Übungen auswählen.

Die Wirkung des Heilpädagogischen Reitens sind vielfältig:

  • Der Umgang mit dem Pferd und vor allem das Reiten (das „Sich-tragen-lassen“) lösen bei den Kindern Gefühle wie Freude oder Mut aus und können das Selbstbewusstsein stärken.
  • Durch die Bewegung auf dem Rücken des Pferdes werden Gleichgewichtsgefühl, Körperwahrnehmung, Koordination und Motorik gefördert. Zudem können seelische und körperliche Spannungen gelöst werden.
  • Durch die heilsame Wirkung der Mensch-Tier-Beziehung wird das Wohlbefinden, das Sozialverhalten und die Persönlichkeitsentwicklung positiv beeinflusst. (vgl. Kiehne, 2019, S.90 ff.)
 
Wirkung von Heilpädagogischem Reiten Fallbeispiel  
 
Im Folgenden werden die konkreten positiven
Auswirkungen des Heilpädagogischen Reitens
anhand eines Fallbeispiel dargestellt. Therapiert wurde einen 17-jähriger Junge, bei welchem ausgeprägtes autistisches Verhalten, ausgeprägt Verhaltensstörung mit Kontaktproblemen, extreme Angstreaktion, zentrale Wahrnehmungsstörung und ein psychischer und geistiger Entwicklungs-rückstand diagnostiziert wurden.
 
Der Junge im Fallbeispiel sprach sehr 
selten von sich aus, hatte sehr sensible Sinne und 
verbachte seine Freizeit gerne in der Natur. In der Schule 
nahm er keinen Kontakt zu anderen Mitschülern auf und wandte sich bei Kontaktversuchen meist ab. Im Unterrichtsgeschehen nahm er kaum teil und war gefühlsmäßig und gedanklich häufig abwesend. Wenn er motiviert war, konnte er selbständig arbeiten und in Zweiwortsätzen sprechen
 
Aufgrund dieser Ausgangslage wurden für das Heilpädagogische Reiten verschiedene Ziele festgelegt. Ein Teilziel umfasste die Anbahnung einer Beziehung zum Pferd, sodass er dadurch aus seiner autistischen Welt auftauchen kann. Die Beziehung zum Pferd kann dabei als Vorstufe zur zwischenmenschlichen Kontaktaufnahme angesehen werden.
 
Während des Heilpädagogischen Reitens wurde sehr kleinschrittig vorgegangen, um den Jungen nicht zu überfordern. Außerdem blieb der Ablauf der Lektionen weitgehend gleich, da autistische Menschen ein starkes Bedürfnis nach Konstanz ihrer Umwelt besitzen. Innerhalb der Lektionen bestanden Differenzierungsmöglichkeiten. Der Ablauf der Therapieeinheit war wie folgt:
 
1. Gemeinsam zum Pferd gehen
2. Begrüßung der Pferde außerhalb des Geheges
3. Zu den Pferden ins Gehege gehen
4. Futter vorbereiten und Pferde füttern
5. Spazierengehen (Später auch Reiten)
6. Pferde weiden lassen
7. Abschied von den Pferden 
 
Die Reitpädagogin hatte dabei vor allem die Rolle der Vorbildfunktion und des Stabilisators. Wichtig war eine insgesamt entspannte und lockere Atmosphäre, sodass sich der Junge wohlfühlte.
Im Laufe des heilpädagogischen Reitens (einem Beobachtungszeitraum von fünf Monaten) stellte die Reitpädagogin fest, dass der Junge es immer länger schaffte seine Aufmerksamkeit beim Pferd und der Sache zu behalten. Außerdem traute er sich nach einigen Stunden, sich immer weiter einem angebundenen Pferd zu nähern und neben einem Pferd herzugehen. Jedoch hielt er bei den freilaufenden Pferden immer Sicherheitsabstand. Den Körperkontakt mit dem Pferd beim Reiten akzeptierte er und war teilweise bereit das Pferd mit seiner Hand zu streicheln. Zwar fasste er somit kein umfassendes Vertrauen zum Pferd, begann aber eine Beziehung zum Pferd aufzubauen und führte Handlungen nach einigen Wiederholungen selbständig aus.
In der Schule war er nach dem Heilpädagogischen Reiten gelöst, entspannt, offener und aufnahmefähiger. Er redete sogar manchmal über Dinge, die ihn beschäftigten und ließ Körperkontakt, wie streicheln oder in den Armnehmen, von der Lehrkraft zu. Auch zu seinen Mitschüler*innen nahm er Kontakt auf. Im Unterrichtsgeschehen konnte er längere Zeit teilnehmen. Sogar in seiner Freizeit beobachtete er die Pferde manchmal auf der Koppel. Somit macht er eine positive Veränderung.

Schlussfolgernd lässt sich festhalten, dass das Ziel einer Anbahnung und Aufbau einer Beziehung zum Pferd und zeitweise Auflösung der autistischen Abkapslung teilweise erreicht wurde. Der Junge zeigte Motivation im Umgang mit dem Pferd und war offener im Umgang mit Menschen. Damit hat das Heilpädagogische Reiten einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Jungen beigetragen. (vgl. Eberle-Gäng, 2015, S. 189 ff.)
 
 

Wirkung von Heilpädagogischem Reiten Studie 

Abbildung 3 tapfer Studie      


Abbildung 4 Evaluationsdesign
Empirisch wurde das heilpädagogische Reiten bisher wenig untersucht. Einzeln durchgeführten Studien bestätigen aber die Ergebnisse des individuellen Erfahrungsberichts. Als Beispiel kann die „Evaluationsstudie ‘TAPfer - Therapeutische Arbeit mit dem Pferd‘“ des Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V. Fachverband, die von 2001 bis 2006 durchgeführt wurde, genannt werden. 
 
Zur Untersuchung der Auswirkungen des heilpädagogischen Reitens bei Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung wurden 30 Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung in zwei Gruppen aufgeteilt. Da die Therapie bei Autismus-Spektrum-Störungen
multimodal erfolgt, erhielten beide Gruppen Entwicklungsförderung in der Familie. Die Untersuchungsgruppe erhielt zusätzlich heilpädagogisches Reiten
(siehe Abbildung 4)  
  
Anhand mehrere Testverfahren wurde das Entwicklungs- und Verhaltensprofil der Kinder vor und nach dem Einsatz des heilpädagogischen Reitens untersucht. Die Ergebnisse zeigten, dass die Kinder, die heilpädagogisches Reiten erhalten hatten, Entwicklungsrückständen besser aufholen konnten und Wahrnehmung, Motorik, Kontaktaufnahme, Kommunikation und die Reduktion von Verhaltensauffälligkeiten im Vergleich zur Kontrollgruppe deutlich verbessern konnte (siehe Abbildung 5). (vgl. Pickartz, 2006, S. 28ff) 

Abbildung 5 Veränderung der Entwicklungsindizes

 

Fazit
 
Die Diagnose der Autismus-Spektrum-Störung steht in diesem Blogbeitrag exemplarisch für die Arbeit mit Menschen mit geistigen Behinderungen. Die Auswirkungen des Heilpädagogischen Reiten bewähren sich laut Literatur aber auch bei Kindern mit anderen Diagnosen. Bei weitergehendem Interesse empfehlen wir die Bücher aus der Literaturliste und die unter dem Blogbeitrag aufgeführte weiterführende Literatur.
Zusammenfassend kann das Heilpädagogische Reiten eine sinnvolle Maßnahme für die Erziehung und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung eingesetzt werden. Im Sinne der Gesundheitsförderung von Kindern mit geistiger Behinderung kann das heilpädagogische Reiten somit einen wichtigen Betrag leisten, da körperliche, geistige, emotionale und soziale Faktoren positiv beeinflusst werden, was sich wiederum in einem allgemein verbesserten Wohlbefinden der Kinder widerspiegelt. 
Das Glück dieser Erde kann folglich tatsächlich auf dem Rücken der Pferde liegen

 

Weiterführende Literatur
 
Im Folgenden haben wir zwei interessante Bücher aufgeführt (welcher online in der PH Bibliothek zur Verfügung stehen), die über das Thema Heilpädagogisches Reiten hinaus gehen. 
  • Zum einen empfehlen wir das Buch Therapeutisches Reiten von der Herausgeberin Marianne Gäng aus dem Jahr 2016. https://elibrary.utb.de/doi/book/10.2378/9783497602469 (Eingesehen am 30.10.2021)
    In diesem Buch geht es
    , wie der Titel bereits verrät, um das Therapeutische Reiten.
    Es beinhaltet spannende Berichte, beispielsweise über den Einsatz des Pferdes in der Arbeit mit traumatisierten Personen oder der Einsatz bei Frauen mit Anorexia Nervosa. Außerdem gibt es Einblicke in die Hippotherapeutischen Arbeit.
  • Auch lohnend ist das Buch Lamas und Alpakas in der pädagogischen Förderung von Kindern und Jugendlichen von Cosima Boyle aus dem Jahr 2019. https://elibrary.utb.de/doi/book/10.2378/9783497612321 (Eingesehen am 30.10.2021) In diesem Buch wird auf die pädagogische Förderung durch Lamas und Alpakas eingegangen. Dabei werden verschiedene Projekt und Aktionen vorgestellt, aber auch differenziert auf die Arbeit bei verschiedenen Entwicklungs- und Verhaltensstörungen wie Autismus-Spektrum-Störungen oder Lese-Rechtschreib-Schwäche eingegangen.

Svea Bundschuh und Johanna Lutze

Literaturverzeichnis  

Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V. (2005). Heilpädagogisches Voltigieren und Reiten - Grundlagen . München: Hans Kock Buch-udn
Offsetdruck GmbH.
 
 
Eberle-Gäng, S. (2015). Aufbau einer Beziehung zum Pferd: eine Maßnahme für die Entwicklung und Erziehung von Menschen mit geistiger Behinderung. In M. Gäng (Hrsg.), Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren (Bd. 7. Auflage). München: Ernst Reinhardt GmbH & Co KG.  
Ihm, V. (2010). Heilpädagogisches Reiten und Entwicklungsförderung. Hademstorf:Verlag FREIMUT & SELBST.  
Kamp-Becker, I. (27. Januar 2018). Update zu Diagnose und Differentialdiagnosen der Autismus-Spektrum-Störung. Abgerufen am 31. Oktober 2021 von
https://www.stiftung-liebenau.de/fileadmin/benutzerdaten/bildung/pdf/04_Mediathek/Autismus/bildung-autismus-kamp-becker-2018.pdf
 
Kaune, W. (2006). Das Heilpädagogische Voltigieren und Reiten für Menschen mit geistiger Behinderung. Warendorf: FNverlag.  
Kiehne, H. (2019). Schatzkiste Reiten, Führen, Voltigieren. Lustige Spiele und Übungen mit Kindern (Bd. 2. Auflage). München: Ernst Reinhardt GmbH & Co KG.  
Pickartz, A. (2006). Tapfer Evalutionsstudie zur Wirksamkeit von heilpädagogischem Reiten bei Kindern mit autistischen Störungen. Kürsten-Biestfeld: Institut quer.

 
Abbildungverzeichnis
 

Abbildung 1 Schematische Darstellung der Einteilung des therapeutischen Reitens (vgl. Kaune, 2006, S.13) 
Abbildung 2 Heilpädagogisches Reiten (https://www.svz.de/ratgeber/eltern-kind/ich-sitze-auf-einer-wolke-id9722121.html, 29.10.2021) 
Abbildung 3 tapfer Studie (Pickartz, 2006, S.1) 
Abbildung 4 Evaluationsdesign (Pickartz, 2006, S.23) 
Abbildung 5 Veränderung der Entwicklungsindizes (Pickartz, 2006, S.36)
 

 

Mittwoch, 1. Dezember 2021

Alkoholkonsum und sein Einfluss auf Kinder und Jugendliche

Ein Blogbeitrag von Lena Brauner und Rebekka Bögel

Einleitung:




“Nein, mein Junge. Bier ist nur was für Daddys und Kinder mit gefälschten Ausweisen.” - Homer Simpson

Ganz ehrlich, wann haben Sie zum ersten Mal Alkohol getrunken? Auf einer Geburtstagsfeier oder an Silvester? Mit Ihren Eltern oder Freunden? Wann hatten Sie Ihren ersten Vollrausch?

Der Großteil von Ihnen hat vermutlich festgestellt, dass seine Erinnerungen nicht mit den Vorgaben des Jugendschutzgesetzes übereinstimmen. Daher unsere nächste Frage: Hat es Ihnen geschadet?

Die wenigsten werden wohl mit “Ja” geantwortet haben. Doch warum gibt es dann das Jugendschutzgesetz? Dieser Frage möchten wir im Folgenden nachgehen.

Statistiken und Fakten:

Zwei Drittel der deutschen Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren haben schon einmal in ihrem Leben Alkohol konsumiert. Ihr Erstkonsum fand durchschnittlich mit 13,8 Jahren statt und damit zwei Jahre früher als nach dem Jugendschutzgesetz vorgesehen. Schaut man nur auf die 16- und 17-Jährigen, so haben mit 91,7 % fast alle schon einmal Alkohol getrunken.

Möchte man Aussagen über den regelmäßigen Konsum treffen, so muss man auf die 12-Monats- oder 30-Tage-Prävalenz schauen, welche in Abb. 1 dargestellt ist. Hier zeigt sich, dass die 16- und 17-Jährigen regelmäßiger Alkohol trinken (87,2 % in 12 Monaten) als die 12- bis 15-Jährigen (Vgl. DHS, 2015, S.2).


                                                     
(Abb.1 Konsumprävalenz Jugendlicher)

Mit dem Alter steigt der Alkoholkonsum an sich sowie damit verbunden auch der gesundheitsschädliche Konsum. Da für Kinder und Jugendliche jede Menge gesundheitsschädlich ist, bezieht sich gesundheitsschädlich auf die für Erwachsenen geltenden Mengen reinen Alkohols. So tranken bei den 12- bis 15-Jährigen 1,5 % für Erwachsene schädliche Mengen, während es bei den 16- bis 18-Jährigen schon 10 % waren.

In diesen Zusammenhang fällt auch das sogenannte Binge-Drinking. Hier werden bei einer Trinkgelegenheit fünf oder mehr Gläser Alkohol getrunken. Ein Glas entspricht dabei ca. 10-12 Gramm reinen Alkohols (Vgl. DHS, 2015, S. 3). So gaben 12,9 % der Jugendlichen zwischen 12 und 15 an mindestens einmal Binge-Drinking betrieben zu haben. Die höchste Zahl der Krankenhauseinweisungen wegen Alkoholintoxikation bei den 10- bis 18-Jährigen gab es seither 2012 mit ca. 18 800 Fällen. Seitdem ist die Zahl wieder rückläufig. 2019 lag sie bei ca. 14 500 Kindern und Jugendlichen und damit mehr als doppelt so hoch wie zur Jahrtausendwende (Vgl. Destatis, 2021).

Darüber hinaus zeigen die Zahlen, dass Jungen häufiger und riskanter Alkohol konsumieren als Mädchen derselben Altersgruppe (Vgl. DHS, 2015, S.4 f.).

 Jugendschutzgesetz:

Ab 14 Jahren dürfen Jugendliche im Beisein einer sorgeberechtigten Person wie den Eltern Alkohol trinken. Ab dem 16. Lebensjahr dürfen die Heranwachsenden den ersten Alkohol selbst kaufen und ohne Begleitpersonen trinken. Allerdings dürfen nur Getränke mit einem niedrigen Alkoholgehalt wie Bier, Sekt oder Wein gekauft und konsumiert werden. Im Alter von 18 Jahren mit der Volljährigkeit darf jede Art von Alkohol gekauft und getrunken werden (Vgl. BZgA, o.J. a).

Ursachen:

Die Gründe dafür, dass Jugendliche Alkohol konsumieren, sind vielfältig. Sie reichen vom Austesten von Grenzen über Feierlust, bis hin zur Stressbewältigung. Auch der vorgelebte Alkoholkonsum von Eltern, Freunden und den Medien spielt eine Rolle (Vgl. BZgA, o.J. b). Hier wird häufig vorgelebt, dass Alkoholkonsum selbstverständlich ist und somit kein kritisches Bild erzeugt. In Filmen und Serien wird zum Beispiel bei BBQs oder bei Sportevents sowie einfach mal nach der Arbeit immer Bier getrunken.

 Akute Wirkung nach Konsummenge:

Die direkte Wirkung von Alkohol hängt stark mit der konsumierten Menge und dem körperlichen Zustand des Konsumierenden ab. Die Wirkung ist abhängig von Geschlecht, Gewicht, Alter, Gewohnheit und der letzten Mahlzeit. Je jünger eine Person ist, desto weniger Alkohol verträgt sie, da das Enzym Alkoholdehydrogenase, welches für den Alkoholabbau verantwortlich ist, noch nicht in ausreichenden Mengen von der Leber produziert wird und der Alkohol deshalb nur sehr langsam abgebaut werden kann. Das führt insbesondere bei Kindern dazu, dass schon geringste Mengen Alkohol zu lebensbedrohlichen Zuständen führen kann, ohne dass vorher die positiv berauschende Wirkung eingesetzt hat.

Bei geringerem Konsum wirkt Alkohol “stimmungsaufhellend, beruhigend, entspannend und angstlösend” (Neurologen und Psychiater im Netz, o.J.). Dadurch steigen die Reaktionszeit und die Risikobereitschaft sowie das Aggressionspotenzial und die Hemmschwelle sinkt. So kommt es zu einer erhöhten Unfallgefahr. Rund 1/3 aller Unfälle bei 15- bis 20-jährigen stehen mit Alkohol in Verbindung (Vgl. Neurologen und Psychiater im Netz, o.J.).

Bei höherem Konsum sinken die positiven Wirkungen wie die Stimmungsaufhellung, wohingegen die unerwünschten Nebenwirkungen steigen. So kann beispielsweise die Stimmung durch Gereiztheit und Aggressivität kippen und die Gefahr für Unfälle, handgreifliche Auseinandersetzungen sowie sexuelle Übergriffe erhöht sich. Auch freiwillige sexuelle Handlungen werden tendenziell ungeschützt durchgeführt und anschließend eher bereut. Dies kann zu ungewollten Schwangerschaften und der Übertragung von Geschlechtskrankheiten führen.

Der sich durch steigenden Blutalkoholspiegel entwickelnde Zustand nennt sich Hypnosestadium. Hier ist das Bewusstsein eingeschränkt. Zeichen davon sind Stolpern und Schwanken sowie eine lallende Aussprache. Trinkt die betroffene Person weiter, folgt das Narkosestadium. Wie der Name schon vermuten lässt, können lebensbedrohliche Situationen entstehen, da man bewusstlos werden, nicht mehr adäquat auf Reize von außen reagieren und seine Körpertemperatur regulieren kann. Zudem lässt der Würgereiz nach. Das führt im schlimmsten Fall zum Einatmen von Erbrochenem, da dieses nicht mehr abgehustet werden kann und damit zum Tod durch Ersticken (Vgl. Psychenet, 2021)

 Spätfolgen:

Bei den Spätfolgen muss zwischen riskantem und risikoarmem Alkoholkonsum unterschieden werden. Zum risikoreichen Trinken gehört regelmäßiger Konsum sowie Rauschtrinken und bezieht sich wieder auf die für Erwachsene riskanten Alkoholmengen.

Bei Kindern und Jugendlichen gibt es theoretisch keine akzeptable Konsummenge, dennoch ist ein striktes Verbot ab einem gewissen Alter meist nicht zielführend. Das wird in der Prävention näher erläutert.

Die Spätfolgen, die sich auf den risikoreichen Konsum beziehen, können sowohl die körperliche als auch die psychische Gesundheit betreffen.

So kann ein Kind oder Jugendlicher, der seine Probleme in Alkohol “ertränkt”, keine tragfähigen Problemlösestrategien entwickeln und an diesen Schwierigkeiten wachsen, in dem er z.B.  Selbstwirksamkeit erlebt. Zudem werden die Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit und die Einreihung in die Gesellschaft erschwert.

Weiter können Entwicklungsstörungen entstehen, die psychosoziale Entwicklung bleibt in diesem Fall hängen. Darüber hinaus kann es zu Konzentrations-, Gedächtnis- und Lernstörungen kommen. Leichte Reizbarkeit, Aggressivität auch im nüchternen Zustand und Ängsten bis hin zu Depressionen stellen weitere mögliche Langzeitfolgen dar. Darüber hinaus kann Alkohol zu Volumenverringerung mancher Gehirnregionen führen. Häufige Nebenwirkungen sind auch allgemeines Unwohlsein, Kopfschmerzen sowie eingeschränkte körperliche Leistungsfähigkeit.

Andere Folgeerkrankungen werden erst im Erwachsenenalter sichtbar, da die Zeit des Kindes und Jugendalters zu kurz ist, um beispielsweise eine Leberzirrhose auszubilden.

Bei allen Spätfolgen gilt: Je früher man anfängt, desto stärker wirkt sich der Konsum auf den Körper aus (Vgl. Neurologen und Psychiater im Netz, o.J.). Zudem steigt die Prävalenz dafür im Erwachsenen Alter eine Alkoholsucht zu entwickeln, bei Personen, die schon früh riskant Alkohol konsumieren an.

Eine sehr gravierende Spätfolge für Kinder ist, dass sogenannte fetale Alkoholsyndrom, für das sie wie der Name schon sagt, nichts können.

 Fetales Alkoholsyndrom:

Das fetale Alkoholsyndrom, auch kurz FAS genannt, kommt vom Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft. Hierbei gilt, je mehr die Mutter trink und je länger sie trinkt, desto stärker ist dieses ausgeprägt. Dennoch ist jeder Tropfen Alkohol für das Kind potenziell schädlich. Deshalb gibt es keine akzeptable Menge Alkohol, die während der Schwangerschaft getrunken werden kann. Auch ein halbes Glas Sekt kann erheblichen Schaden verursachen.

Das FAS wirkt sich durch körperliche und geistige Schäden am Kind aus wie Fehlbildungen und Mangelentwicklungen. Wer mit dem FAS geboren wird, muss sein ganzes Leben damit verbringen.

Abb. 2 typische Merkmale fetales Alkoholsyndrom

Auf der Abbildung zwei kann man typisch Merkmale des fetalen Alkoholsyndroms sehen: schmale Oberlippen, eingesunkene Nasenwurzel, ein Epikanthus, also eine Hautfalte in den Lidern sowie eine Blepharophimose (eine Lidspaltenverengung) und ein kleiner Kopf.

Das Syndrom beeinflusst die kognitiven, motorischen, sozialen sowie die sprachlichen Fähigkeiten des Kindes und ist nicht heilbar. Mit der richtigen Unterstützung und Förderung kann das Leben der Kinder erleichtert werden, doch für viele wird es nie ein Normales sein (Vgl. Feichter, 2021; MedLexi, 2021).

Prävention Schule und Eltern:

Betrachtet man die Auswirkungen und Folgen, die Alkoholkonsum auf Kinder und Jugendliche hat, ist man versucht, völlige Abstinenz von ihnen zu fordern und zur Not mit Verboten, Sanktionen, … umzusetzen. Doch ist das wirklich sinnvoll?

Kinder bis 16 Jahre sollten keinen Alkohol trinken. Bei ihnen sollte die völlige Abstinenz durchgesetzt werden. Möchten sie dennoch probieren, ist es sinnvoll, mit ihnen darüber zu reden, dass Alkohol ein Erwachsenengetränk und deshalb nichts für sie ist. Sollten sie nicht damit aufhören, scheint es sinnvoll, sie am eigenen Getränk nippen zu lassen, um den Reiz des Verbotenen aufzuheben. Damit die Kinder nicht eventuell heimlich eine zu große Menge probieren (Vgl. Feel-ok.ch, o.J.).

Wer jedoch versucht bei Jugendlichen ein striktes Alkoholverbot durchzusetzen, wird zu 99 % damit scheitern. Viel wichtiger ist die Haltung die Kinder und Jugendliche zum Alkohol aufbauen. Sie müssen einen verantwortungsbewussten, reflektierten Umgang lernen und stark genug sein, für ihre Ansichten einzutreten, auch gegen einen eventuell herrschenden Gruppenzwang.

Besonders für Eltern ist in diesem Zusammenhang wichtig: Sie sind Vorbilder, der erste Umgang mit Alkohol, den die Kinder erleben, ist Ihrer.

Sobald die Kinder und Jugendlichen beginnen, Alkohol zu konsumieren, ist es wichtig, mit ihnen darüber zu sprechen, auf Augenhöhe und unvoreingenommen. Nutzten sie beispielsweise eine Fernsehserie oder Werbung als Gesprächsanlass. Oder lassen sie als Lehrkraft ihre SchülerInnen untereinander über ihre Erfahrungen und Empfindungen diskutieren oder nutzen sie eines der vielen Angebote zur Suchtprävention und Aufklärung.

·        BZgA: Mitmachparcours KlarSicht

·        Alkohol und dessen Folgen | Alkoholwirkung | Null Alkohol - Voll Power

Zusammenfassung:

Wir hoffen, Sie wissen nun, warum es das Jugendschutzgesetz gibt und dass es sinnvoll ist, auch wenn es sich nicht immer mit unserer eigenen Wahrnehmung deckt.

Außerdem kennen Sie die Ursachen und Folgen des Alkoholkonsums für Heranwachsende und können so adäquate Entscheidungen treffen. Zudem können sie den Kindern und Jugendlichen dabei helfen, einen verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol zu erlernen. Haben Sie weitere Ideen, wie Letzteres praktisch im Unterricht umgesetzt werden kann? Oder haben Sie eigene Erfahrungen in diesem Kontext gemacht?

Und noch eine letzte Frage zum Schluss: “Wie sieht es mit Ihrem Alkoholkonsum aus? Sind Sie ein gutes Vorbild oder sollten auch Sie Ihren Alkoholkonsum überdenken?” Machen Sie hier den Selbsttest: https://www.barmer.de/gesundheit-verstehen/sucht/alkoholsucht-selbsttest/selbsttest-alkohol-304596.

Literaturverzeichnis:

Berufsverbände und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz (Neurologen und Psychiater im Netz) (o.J.). Wirkung und Folgen von Alkoholmissbrauch bzw. -abhänigkeit bei Kindern und Jugendlichen. Zugriff am 30.11.2021 unter https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/kinder-jugend-psychiatrie/erkrankungen/alkoholmissbrauch-abhaengigkeit/wirkung-und-folgen/

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (o.J. a). Jugendschutzgesetz Alkohol. Zugriff am 29.11.2021 unter https://www.kenn-dein-limit.de/alkoholberatung/informationen-fuer-eltern/jugendschutzgesetz-alkohol/

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (o.J. b). Informationen für Eltern. Zugriff am 30.11.2021 unter https://www.kenn-dein-limit.de/alkoholberatung/informationen-fuer-eltern/

DHS (2015). Alkohol und Jugendliche. Zugriff am 30.11.2021 unter https://www.aktionswoche-alkohol.de/fileadmin/user_upload/factsheets/2016-12-14-Factsheet_Alkohol_und_Jugendliche.pdf

Feel-ok.ch (o.J.). Alkoholkonsum des Sohnes oder der Tochter. Zugriff am 30.11.2021 unter https://www.feel-ok.ch/de_CH/eltern/themen/alkohol/ressourcen/alkoholkonsum_sohn_tochter/tipps_infos/empfehlungen_nach_alter.cfm

Feichter, M. (2021). Fetales Alkoholsyndrom. Zugriff am 22.11.2021 unter https://www.netdoktor.de/krankheiten/fetales-alkoholsyndrom/

MedLexi (2021). Fetales Alkoholsyndrom. Zugriff am 22.11.2021 unter https://medlexi.de/Fetales_Alkoholsyndrom

Psychenet (2021). Alkoholkonsum bei Jugendlichen und seine Folgen. Zugriff am 30.11.2021 unter https://www.psychenet.de/de/psychische-gesundheit/themen/alkohol-im-jugendalter.html

Statistisches Bundesamt (Destatis) (2021). Zahl der Woche Nr. 09 vom 2. März 2021. Zugriff am 27.11.2021 unter https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2021/PD21_09_p002.html

Abbildungen:

Bild Baby: https://img.huffingtonpost.com/asset/5a00649c1d00003b007f4555.jpeg?ops=1778_1000 [Letzter Zugriff: 23.11.2021]

Abbildung 1: https://www.aktionswoche-alkohol.de/fileadmin/user_upload/factsheets/2016-12-14-Factsheet_Alkohol_und_Jugendliche.pdf [Letzter Zugriff: 30.11.2021]

Abbildung 2: https://de.depositphotos.com/62683289/stock-illustration-fetal-alcohol-syndrome.html [Letzter Zugriff: 23.11.2021]