Montag, 3. Juni 2019

Der Kampf gegen die Maschinen



oder: ein Aufruf zum Weiterdenken und -handeln 

Ein Beitrag von Annika Malin Riediger

In diesem Blogeintrag wird unser heutiger Umgang mit Wissensvermittlung und der Fokussierung der Persönlichkeitsentwicklung der Lernenden kritisch betrachtet. Dabei werden folgende Themengebiete angesprochen: Exekutive Funktionen und welche Rolle sie spielen (sollten); Lebensqualität, Wohlbefinden und psychische Gesundheit in der Schule; das finnische Bildungssystem. 

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Im Frühjahr 2018 erregte der derzeitige Vorstandsvorsitzende des chinesischen Internetkonzerns Alibaba, Jack Ma auf einer Presse-konferenz (Link siehe rechts) mit folgender These viel Aufsehen: Im Jahr 2030 werden ungefähr 800 Millionen Jobs von Robotern übernommen. 
Abbildung 1 - Link zum Video
Dabei beruft er sich auf die Ergebnisse einer spekulativen und fast schon apokalyptischen Studie des McKinsey Global Institutes. 

Ziel des Blogbeitrags ist, mit anderen (angehenden) Lehrpersonen in einen Diskurs zu treten, um über die Aussagen von Herrn Ma und der Studie des McKinsey Global Institutes in einen Austausch zu treten. Es soll herausgearbeitet werden, ob ein Ruck durch unser Bildungssystem gehen sollte und – wenn ja – welche Veränderungen unser Bildungssystem vertragen würde. Dabei sollen vor allem folgende Themen angesprochen werden: (a) der Stellenwert der exekutive Funktionen in der Lehrerausbildung und letztlich im Schulalltag, (b) der Stellenwert der Persönlichkeitsentwicklung im Schulalltag und (c) die Garantie der psychischen Gesundheit der Lernenden. 

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Im Folgenden sind die Kernaussagen aus dem Video kurz zusammengetragen: 
  • Maschinen sind schlauer als Menschen. Man kann den Kindern nicht beibringen mit ihnen in Konkurrenz zu treten. 
  • Die Voraussetzungen für die Arbeit, die von Maschinen erledigt werden kann, werden in der Schule – seit mehr als 200 Jahren – für die Menschen geschaffen. 
  • Der heutige Lehrinhalt ist veraltet, weil er auf Wissen basiert. 
  • Lehrpersonen müssen aufhören, lediglich Wissen zu vermitteln. 
  • Lernen Kinder etwas Einzigartiges, sind sie Maschinen überlegen. 
  • Einzigartigkeit zeichnet sich durch (a) Wertevorstellung, (b) Überzeugungen, (c) unabhängiges Denken, (d) Teamwork und (e) Empathie aus. 
  • Die Einzigartigkeit entsteht nicht durch reine Wissensvermittlung. Die Unterrichtsfächer Sport, Musik und Kunst tragen hauptsächlich dazu bei, dass Menschen einzigartig bleiben. 
  • Sobald Maschinen eine Tätigkeit besser verrichten können, als wir Menschen, werden sie uns darin ersetzen. 
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800.000.000 Jobs?! – Ist das denn möglich? 

Um einen Zugang zu den Zahlen zu bekommen, von denen Herr Ma in der Pressekonferenz sprach, möchte ich versuchen, einen Zusammenhang zwischen der Weltbevölkerung und den Erwerbstätigen weltweit in den Jahren 2014 und 2030 herstellen. 
Die Tabelle unten gibt einen kurzen Überblick. Ich möchte kurz erläutern, wie die Zahlen zustande kommen. Die Angaben aus dem Jahr 2014 sind alle offiziell bekannt (vgl. Süddeutsche 2014; BASF o.A.; Weltagrarbericht 2016). Bei einer Gesamtbevölkerung von 7,3 Milliarden Menschen waren mit 3,25 Milliarden 44,52% aller Menschen weltweit berufstätig. 

Jahr 
Weltbevölkerung 
Erwerbstätige weltweit 
2014 
7,3 Milliarden 
3,25 Milliarden 
2030 
8,55 Milliarden 
3,81 Milliarden 

Die Prognose für die Weltbevölkerung im Jahr 2030 kann eingesehen werden (vgl. Statistica 2019). Angenommen der Anteil der Erwerbstätigen bleibt weltweit identisch, würden 2030 3,81 Milliarden Menschen weltweit berufstätig sein. 
Das bedeutet im Umkehrschluss, dass 21% der Jobs 2030 von Robotern übernommen werden würden – dabei sind jedoch zahlreiche Einflussfaktoren nicht berücksichtigt. Die neueste Studie des McKinsey Global Institutes versucht alle Faktoren zu berücksichtigen und geht schlussendlich davon aus, dass im Jahr 2030 bis zu 50% aller Jobs von Robotern ausgeführt werden (vgl. Manyika et al. 2017)! 

„Powerful new technologies are increasing productivity, improving lives, and reshaping our world. But what happens to our jobs?“ (ebd.) 

In allen beruflichen Sektoren ist bereits heute ein Wandel zu erkennen: In der Landwirtschaft wird die Stall- und Feldarbeit per App überwacht und die Einführung von Robotern und vollautonomen Landmaschinen ermöglichen präzise Arbeit im modernen Ackerbau (vgl. Brückner 2018, Schaal 2014). In der Automobilbranche und vielen anderen Branchen ermöglichen Automatisierung, Roboterisierung und der Ausbau der künstlichen Intelligenz Zustände wie im Science Fiction Film. Dahingegen ist in sozialen Arbeitsfeldern, wie z.B. in der Kinder- und Altenbetreuung mit weniger Automatisierung zu rechnen – gut für uns als angehende Lehrpersonen (vgl. Rötzer 2017). 

Zwischenfazit: 800.000.000 Jobs – ist das denn möglich? Ja, ist es. Zwar ist die Studie des McKinsey Global Institutes spekulativ, dennoch scheint es naheliegend, „dass Menschen ihren Job an die Konkurrenz der intelligenten oder irgendwie besseren, jedenfalls billigeren Maschinen übergeben müssten.“ (Rötzer 2017). 

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Was bedeutet das alles nun für uns? 

Wie bereits im vorangegangenen Abschnitt angedeutet, sind soziale Arbeitsfelder weniger von der Automat-isierung, Roboterisierung und dem Ausbau der künstlichen Intelligenz betroffen. Die Ergebnisse der Studie des McKinsey Global Institutes zeigen deutlich, dass unser zukünftiger Beruf sehr wahrscheinlich bis 2030 nicht so ohne weiteres zu ersetzen sein wird. Dennoch ist ein Entwicklungsschritt im Umgang mit dem Lehren Heranwachsender unbedingt notwendig. Die Studie aus dem Jahr 2017 belegt, dass Menschen zukünftig in Arbeitsbereichen tätig sein werden, in denen emotionale und soziale Kompetenzen und andere höhere kognitive Fähigkeiten Bedingung sind (vgl. Manyika et al. 2017). 

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Abbildung 2

Diese höheren kognitiven Fähigkeiten findet man im menschlichen Körper beispielsweise in den exekutiven Funktionen. Bei diesen handelt es sich um kognitive Fähigkeiten, die unsere Handlungen unter Berücksichtigung der Bedingungen der Umwelt planen, überwachen, regulieren und kontrollieren. Sie sind in das Arbeitsgedächtnis, die Inhibition und die kognitive Flexibilität gegliedert (vgl. Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung 2016). 
Der Sitz der exekutive Funktionen, der präfrontale Cortex gilt im menschlichen Gehirn als Sitz der Persönlichkeit. Allgemein besitzen die exekutiven Funktionen einen großen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen (vgl. Ley 2011; Walk 2011: 28). An dieser Stelle sollen die exekutiven Funktionen wissenschaftlich nicht vertiefend beschrieben werden. Bei Bedarf und Interesse sei auf das Buch von Sabine Kubesch (2014) hingewiesen, das einen umfassenden Einblick in die Thematik gibt. 


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Exekutive Funktionen in der Schule 

Es stellt sich die Frage, inwiefern die höheren kognitiven Fähigkeiten in der Schule gefördert werden – um dies im Anschluss umfassend diskutieren zu können, werfen wir einen Blick in den Bildungsplan in Baden-Württemberg und gleichen den Inhalt anschließend kurz mit der Bildungsrealität ab: 

Der Kanon des Lernens, der Bildungskanon, der Lehrplan, der Bildungsplan – Wir sind alle damit vertraut, welche Funktion der Lehrplan hat: „Der Lehrplan gibt an, was in der Schule gelten soll, und so muss jeder Faktor des geistigen Lebens, jede Gruppe der Gesellschaft, jede Anschauung, die dauernd und in der Breite auf die Jugend innerhalb von Schule und Lehre wirken will, versuchen Anerkennung und Geltung in den geltenden Lehrplänen zu erhalten.“ (Weniger 1952: 22). 

Der Bildungsplan wird regelmäßig weiterentwickelt und an die Faktoren des geistigen Lebens und an die An-schauungen, „die dauernd und in der Breite auf die Jugend innerhalb von Schule und Lehre“ (ebd.) wirken sollen, angepasst. Jack Ma sieht in den Unterrichtsfächern: Sport, Musik und Kunst die Fördermöglichkeiten für die Einzigartigkeit der Menschen. Und tatsächlich ist wissenschaftlich belegt, dass die von Jack Ma genannten Unterrichtsfächer bei der Entwicklung der exekutiven Funktionen ausschlaggebend sind (vgl. Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung 2016). 

Tatsächlich werden die exekutiven Funktionen im Bildungsplan Baden-Württemberg der Grundschule erwähnt: Und zwar im Anhang für das Fach Bewegung, Spiel und Sport (vgl. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg). Es wird darauf hingewiesen, dass die exekutiven Funktionen „eine wichtige Grundlage für Entwicklungsprozesse und den Lernerfolg“ (ebd.) darstellen. Außerdem werden dort einige Spiele zur Förderung der exekutiven Funktionen erwähnt – diese sind „bis zum Ende der Grundschulzeit verbindlich“ (ebd.) zu spielen. 

In den anderen Unterrichtsfächern wird jedoch nicht explizit auf die entwicklungsfördernden exekutiven Funktionen eingegangen – wenngleich sie selbstverständlich auch fächerübergreifend gestärkt werden können. Darauf soll zu einem späteren Zeitpunkt erneut Bezug genommen werden. 

Mit einem weiten Blick in die Zukunft stellt sich mir die Frage, ob die Unterrichtsfächer, die die Einzigartigkeit der Lernenden schützen und fördern, ausreichend in Fokus genommen werden. Tatsache im heutigen Schulalltag ist doch, dass eher eine Sport-, Musik- oder Kunststunde entfällt, bevor eine Schulstunde Deutsch oder Mathematik in der Woche fehlt (vgl. Allgöwer 2016). Auch nicht selten wird der Klasse als Sanktion für ihr ‚schlechtes Benehmen‘ der Sport- oder Musikunterricht gestrichen. Ich habe so etwas auf jeden Fall – sowohl als Schülerin als auch als Praktikantin – erlebt. 

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Bedeutsam für diesen Blogeintrag ist: Laut den Ergebnissen der Studie, auf die sich Jack Ma in der Pressekonferenz bezieht, soll in der Schulbildung die Persönlichkeitsentwicklung fokussiert werden. Davon ausgehend, dass die exekutiven Funktionen genau diese fördern, sollen einige Beispiele zur Förderung genannt werden. Wie bereits erwähnt, kann die Förderung auch fächerübergreifend stattfinden: 

Zum Beispiel wird das Arbeitsgedächtnis durch tägliches Kopfrechnen trainiert, die Inhibition, die für die Selbst-kontrolle und –beherrschung zuständig ist, durch das Anregen von Selbstreflexion, zum Beispiel im Klassenrat und die kognitive Flexibilität, also das schnelle Umdenken und Reagieren auf kurzfristige Veränderungen beispielsweise durch ein Angebot an unterschiedlichen Arbeitsformen (vgl. Kubesch 2014). 

Grundkonsens aller Fördermöglichkeiten ist, den Lernenden die Chance zu geben, sich vielfältig, regelmäßig und ohne Zeitdruck an neuen und herausfordernden Situationen zu erproben (vgl. ebd.: 28). So kann eine Förderung der sozialemotionalen Entwicklung stattfinden und damit im weiteren Sinne die Persönlichkeitsbildung, die bislang nur einen Platz im Anhang des Bildungsplans eines Unterrichtsfachs ‚verdient‘ scheint zu haben. 

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Garantie der Lebensqualität 

Ist ein Wandel notwendig? Ist jetzt die Zeit? Wie soll dieser aussehen? Wie wird dieser herbeigeführt? Und: Wie weit werden die Veränderungen reichen? 

Für mich steht fest, dass sich schon lange ein Wandel in der Gesellschaft ankündigt. Veränderungen sind für die Menschheit nichts Neues. Gegebenheiten und Bedingungen wandeln sich – Erfindungen machen das Leben leichter und erfordern dann im gleichen Maß Anpassungsfähigkeit und Flexibilität im Denken und Verhalten der Menschen. 

Mit der Übernahme von Robotern und Maschinen, muss sich in der Schulausbildung der Blick auf die Förderung der Persönlichkeit richten. Nur so können Lebensqualität und Wohlbefinden ausgebaut und garantiert werden. 

Bullinger und Levke Brütt beschäftigen sich in ihrem Beitrag in Psychologie in der Gesundheitsförderung (2018) ausführlich mit den Begriffen Lebensqualität und Wohlbefinden. 

Dort wird Lebensqualität nach der WHOQOL-Group folgendermaßen definiert: „Lebensqualität ist die Wahrnehmung einer Person über ihre Position, vor dem Hintergrund der Kultur und des Wertesystems, in dem die Person lebt, und in Bezug auf ihre Ziele, Erwartungen, Standards und Anliegen.“ (Bullinger & Levke Brütt 2018: 156 nach WHOWOL-Group, 1993). Die Lebensqualität eines Menschen wird also sowohl über strukturelle als auch über personelle Indikatoren ermittelt. 

In der operationalen Definition nach Bullinger, Ravens-Sieberer und Siegrist (2000) handelt es sich bei der Lebensqualität um ein multidimensionales Konstrukt, das sich aus körperlichen, emotionalen, mentalen, sozialen und alltagsfunktionalen Komponenten zusammensetzt (vgl. Bullinger & Levke Brütt 2018: 156). Hinzu kommen die Determinanten, wie beispielsweise personale Charakteristika und Lebensbedingungen, die die individuelle Lebensqualität bezeichnen. Das Wohlbefinden ist in der operationalen Definition als erlebte Befindlichkeit Teil der gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Die psychische Gesundheit – die in der Schullaufbahn von großer Bedeutung ist (vgl. Mittag & Schaal 2018; Mortag 2012: 28ff.). 

Psychische Gesundheit wird als „Fähigkeit, sich kompetent mit den gesellschaftlichen Anforderungen auseinandersetzen zu können und im Leben auch eigene Wünsche, Bedürfnisse und Hoffnungen konstruktiv zu verwirklichen“ definiert (vgl. Paulus 2017) und kann somit dem psychischen Wohlbefinden zugeordnet werden. 

Zwischenfazit: Es wird deutlich, dass die Begriffe Lebensqualität, Wohlbefinden und psychische Gesundheit eng miteinander verbunden sind und einen erheblichen Einfluss auf die Persönlichkeit(sentwicklung) nehmen. Damit schließt sich an dieser Stelle der Kreis, weshalb der bevorstehende Wandel die empfundene Lebensqualität und damit die psychische Gesundheit beeinflussen wird. 

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Psychische Gesundheit in der Schule 

Paulus hält fest, dass Schülerinnen und Schüler dann psychisch gesund in der Schule sind, wenn sie (a) „sich durch die intellektuellen und sozialen Anforderungen des Unterrichts und des Schullebens angemessen gefordert fühlen – dies nennt er Aspekt der Produktiven Anpassung. Und (b) wenn „sie sich mit eigenen Ideen, Wünschen und Vorstellungen in den Unterricht und in das Schulleben einbringen können – er spricht von Aspekt der Selbstverwirklichung (vgl. Paulus 2017). 

Daraus ist zu schließen, dass die psychische Gesundheit einen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung hat (vgl. Paulus 2014: 2) – und im Umkehrschluss auf die von Jack Ma angesprochene Einzigartigkeit

Um die Einzigartigkeit aller Lernenden zu erhalten gilt es die psychische Gesundheit zu schützen. In der Schule sollte der Schwerpunkt also auf die Persönlichkeitsentwicklung gelegt werden, die zum Großteil durch die exekutiven Funktionen gefördert wird. 

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Sie machen es vor – Finnland 

Im letzten Abschnitt des Blogbeitrags möchte ich gerne auf das Bildungswesen in einem Land eingehen, das 2015 bei der PISA-Studie im Durchschnitt der drei erhobenen Bereiche: Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik weltweit den achten Platz und in Europa den zweiten Platz belegte (vgl. OECD 2015: 5). Bei der Erhebung zu dem Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler belegte Finnland weltweit Platz vier (vgl. ebd.: 16). 

Mitte der 60er Jahre ist ein Ruck durch die finnische Bildungspolitik gegangen (vgl. Wernicke 2006: 1): Das dreigliedrige Schulsystem wurde abgeschafft und stattdessen die einheitliche Gesamtschule vom siebten bis zum fünfzehnten Lebensjahr eingeführt (vgl. Ministry of Education and Culture et al. 2016: 3). Mit dem einheitlichen System wurden auch neue Ideen getestet, um die Qualität von Bildung im Land zu verbessern – die Ergebnisse der PISA-Studie beweisen, dass dies gelungen ist. 

⌂ Das finnische Bildungswesen legt viel Wert darauf, die Schülerinnen und Schüler auf das Leben in all seinen Facetten vorzubereiten: es wird gebacken, genäht, gesungen, getanzt, geklettert, gelesen, musiziert, gemalt und gebastelt, entdeckt. Das Wichtige dabei ist, dass die Kinder und Jugendlichen alles intrinsisch motiviert tun! Es ist in der Motivationspsychologie wissenschaftlich belegt und schon lange kein Geheimnis mehr, dass die intrinsische Motivation positiv mit dem Lernerfolg korreliert (vgl. Roth 2016). 

⌂ In Finnland geht es im Schulalltag darum, dass die Schülerschaft lernt, ihr Hirn zu benutzen: Sie sollen selbstständig und kritisch denken, den Lerninhalt hinterfragen und bekommen in dem Lernprozess ein großes Maß an Mitspracherecht – wenn man so möchte „Macht“ – zugesprochen. Das ermöglicht Begegnungen mit Respekt. Da ist es selbstverständlich, dass die Persönlichkeit genug Raum hat, um sich zu entwickeln. 

⌂ Ein weiterer Faktor, den das finnische Schulsystem auszeichnet ist, dass alle Schulen kostenfrei und gleichgestellt sind – sie werden auf kommunaler Ebene finanziert und von allen Kindern besucht. So entsteht kein Konkurrenzkampf zwischen den Schulen und man kann sich auf das Wesentliche – nämlich die qualitativ beste Ausbildung der Heranwachsenden konzentrieren. 

⌂ Das finnische Bildungssystem agiert nach dem Motto: „Weniger ist mehr.“ – es scheint als wären die Finninnen und Finnen besser, indem sie weniger in die Schule gehen. Das System ist nicht wie bei uns föderalistisch aufgebaut, sondern landesweit einheitlich. Verglichen mit anderen europäischen Ländern ist das Schuljahr in Finnland mit 190 Tagen sehr kurz (vgl. Ministry of Education and Culture et al. 2016: 17). Dennoch erbringen finnische Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich Bestleistungen. 

⌂ Lernen benötigt Zeit – das Gehirn braucht Entspannungsphasen, um das neue Wissen verarbeiten zu können. Darauf weist auch die Neurodidaktikerin Magret Arnold in ihrem Buch ‚Kinder denken mit dem Herzen‘ mehrfach hin (vgl. Arnold 2011). Dies scheint das skandinavische Land begriffen zu haben und zu realisieren. 

⌂ In Finnland wird von standardisierten Leistungserhebungen im Land abgesehen – das nimmt den Lehrpersonen viel Druck und Zwang (vgl. Ministry of Education and Culture et al. 2016: 16). Stattdessen konzentriert man sich auf Glück und Zufriedenheit. Die Lernenden sollen erfahren, was sie glücklich macht und was bzw. wer sie im Leben sein möchten. 
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Gleichwohl bleibt auch das finnische Schulsystem vor Problemen nicht verschont, wie Jens Wernicke (2006) in seinem Aufsatz anmerkt: „Auch in Finnland kann man nicht voraussetzen, dass Kinder stets mit Freude in die Schule gehen, Lehrerinnen und Lehrer gleich gut mit den häufig wechselnden Anforderung des pädagogischen Alltags zurechtkommen und Schulen immer pädagogisch sinnvoll auf das reagieren, was von ihnen abverlangt wird. Auch in Finnland machen es sich Eltern bisweilen recht leicht, indem sie ihre Kinder in der Schule abgegeben und die Erziehung ausschliesslich den Lehrern überlassen.“ (Wernicke 2006: 3). Durch die Bildungsreform haben sich mittlerweile jedoch Prozesse so eingespielt, dass sie keine zusätzliche Belastung für die Lehrpersonen darstellen – Netzwerkarbeit und kollegiale Beratung gehören zu ihrem Arbeitsalltag (vgl. ebd.: 3f.). 

Durch das inklusive System, dass alle Kinder gemeinsam die achtjährige Gesamtschule besuchen und die Schwerpunktsetzungen auf (a) die Förderung der Sozialkompetenz oder wie Jack Ma sagte ‚Teamwork‘, (b) die Unterrichtsfächer Musik, Sport und Kunst, (c) die große Bereitschaft Partizipationsmöglichkeiten für die Schülerinnen und Schüler zu schaffen und (d) die Zielsetzung selbstständig und kritisch denkende junge Menschen auszubilden, erscheint das Konzept zumindest in meiner Vision voller Potenziale und Erfolge für alle Beteiligten. 
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Und ganz aktuell schafft ein neuer Bildungsplan in Finnland einen erneuten Umbruch. Dieser trat 2016 in Kraft. Wenngleich er nicht ansatzweise so drastisch ist wie vor 50 Jahren, bringt er dennoch einige Umstrukturierungen: Es wird nun noch mehr auf die Offenheit im Unterricht selbst gesetzt. Der Unterricht muss nicht mehr in den üblichen vier Wänden stattfinden, sondern jedes Kind darf wählen wo und wie es lernen möchte – auch hier kristallisiert sich nochmal sehr stark der Gedanke der Partizipation heraus (vgl. Lehtniemi 2016). 

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Fazit 

Finnland vernachlässigt kein Unterrichtsfach – das beweisen die PISA-Ergebnisse aus den letzten 15 Jahren. Es versteht Schule allerdings als einen Ort, an dem Heranwachsende die Chance bekommen, die eigene Persönlichkeit zu entdecken und zu formen. Den Unterrichtsfächern Musik, Kunst und Sport werden ein hoher Stellenwert zugesprochen. Genau das sind die Unterrichtsfächer, die– laut den Ergebnissen der McKinsey Studie – unsere Einzigartigkeit weiterentwickeln. Und diese Einzigartigkeit benötigen wir spätestens in elf Jahren, um uns von den Robotern und Maschinen zu differenzieren. 

Finnland garantiert mit seinem Bildungswesen die hohe Qualität der psychischen Gesundheit der jungen Men-schen. Denn die Aspekte der produktiven Anpassung und Selbstverwirklichung nach Paulus (2017) werden durch die Offenheit innerhalb des Systems auf vielen Ebenen gesichert. 

Wir müssen aufhören, Maschinen ausbilden zu wollen – diese werden in wenigen Jahren durch unnahbare und reale Maschinen ersetzt. Im zukünftigen Bildungsplan muss der Schwerpunkt noch mehr auf die Entwicklung der Persönlichkeit gesetzt werden. Und das beruhigende ist: Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, sondern weiterdenken und -handeln. Meines Erachtens sind wir auf dem richtigen Weg, dennoch muss ein Bewusstsein für die Lehrinhalte und Unterrichtsfächer präsent sein, die uns auf lange Sicht persönlich weiterbringen. Und es ist doch beruhigend zu wissen und zu sehen, dass es funktionieren kann: Kinder, Kinder sein zu lassen, ihnen die nötige Zeit zum Lernen von Dingen zu geben, die sie in ihrer Identitätsfindung unterstützen. 

Es geht nicht darum gegen die Maschinen in einen Kampf zu ziehen, sondern das eigene Handeln weiterzu-entwickeln, mit der Zeit zu gehen um die psychische Gesundheit und damit die Einzigartigkeit eines jeden zu garantieren. 

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Impulse: 

(1) Gibt es Unterrichtsfächer oder Lehrinhalte, die du – mit Blick in die Zukunft – für weniger notwendig erachtest? Welche sind das? 
(2) Habt ihr im Studium von den exekutiven Funktionen erfahren? Wenn ja, wo? 
(3) Gibt es jemanden, der ein Auslandssemester in Finnland war und berichten kann? Wie war es wirklich? Welche Eindrücke konntest du sammeln? 
(4) Was können wir als angehende Lehrpersonen in Bewegung setzen? Findest du einen Wandel überhaupt notwendig? 

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Literatur 
⌂ Allgöwer, R. (2016): Eisenmann will Sportunterricht stärken. Online: URL: https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.unterstuetzung-fuer-sportwissenschaftler-eisenmann-will-sportunterricht-staerken.19404827-7d43-4c4b-ba26-797b6e3830cc.html [Datum der Recherche: 26. März 2019] 
⌂ Arnold, M. (2011): Kinder denken mit dem Herzen. Wie die Hirnforschung Lernen und Schule verändert. Beltz Verlag: Weinheim, Basel. 
⌂ BASF (o.A.): Ernährung weltweit – auf den Landwirt kommt es an. Online: URL: https://www.wichtigster-beruf.de/landwirtschaft/ernaehrung_weltweit/ernaehrung_weltweit.html [Datum der Recherche: 12. März 2019] 
⌂ Bullinger, M & Levke Brütt, A. (2018): Lebensqualität und Wohlbefinden. In: Psychologie in der Gesundheitsförderung. Hogrefe: Göttingen. S. 155-167. 
⌂ Brückner, E. (2018): Roboter bei der Feldarbeit. Online: URL: https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/roboter-landwirtschaft/- /id=660374/did=21646920/nid=660374/q948k5/index.html [Datum der Recherche: 12. März 2019] 
⌂ Kubesch, Sabine (2014): Exekutive Funktionen und Selbstregulation: Neurowissenschaftliche Grundlagen und Transfer in die pädagogische Praxis. Verlag Hans Huber. Bern. 
⌂ Lehtniemi, N. (2016): Die Wahrheit über die finnische Schule. Online: URL: https://finland.fi/de/leben-amp-gesellschaft/die-wahrheit-uber-die-finnische-schule/ [Datum der Recherche: 28. März 2019] 
⌂ Leyh, Arvid (2011): Der Frontallappen. Online: URL: https://www.dasgehirn.info/entdecken/anatomie/der-frontallappen/ [Datum der Recherche: 12. März 2019] 
⌂ Manyika, J./ Lund, S./ Chui, M./ Bughin, J./ Woetzel, J./ Batra, P./ Ko, R./ Sanghvi, A. (2017): Jobs lost, jobs gained: What the future of work will mean for jobs, skills, and wages. Online: URL: https://www.mckinsey.com/featured-insights/future-of-work/jobs-lost-jobs-gained-what-the-future-of-work-will-mean-for-jobs-skills-and-wages [Datum der Recherche: 12. März 2019] 
⌂ Mittag, W. & Schaal, S. (2018): Schule als Handlungsfeld psychologischer Gesundheitsförderung. In: Psychologie in der Gesundheitsförderung. Hogrefe: Göttingen. S. 479-491. 
⌂ Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Anhang. 4.4 Spiele zur Schulung der exekutiven Funktionen. Online: URL: http://www.bildungsplaene-bw.de/bildungsplan,Lde/Startseite/BP2016BW_ALLG/BP2016BW_ALLG_GS_BSS_ANH [Datum der Recherche: 15. März 2019] 
⌂ Ministry of Education and Culture/ Finnish National Board Of Education / CIMO (Hrsg.) (2016): Das finnische Bildungswesen im Kurzportrait. Online: URL https://www.oph.fi/download/160268_das_finnischebildungswesen_im_kurzportrait.pdf [Datum der Recherche: 28. März 2019] 
⌂ Mortag, I. & Nowosad, I. (Hrsg.) (2012): Qualität des Lebens und Qualität der Schule. Wohlfühlen in der Schule aus der Sicht der Beteiligten. Online: URL: http://www.wnps.uz.zgora.pl/erasmus/files/ksiazka_de.pdf#page=13 [Datum der Recherche: 28. März 2019] 
⌂ Paulus, P. (2014): Psychische Gesundheit. Für eine gute gesunde Schule. Online: URL: https://www.lzg-rlp.de/files/LZG-Shop/Gesundheit%20von%20Kindern%20und%20Jugendlichen_Download/2014- 02_GLL_psychische_gesundheit_bro.pdf [Datum der Recherche: 28. März 2019] 
⌂ Paulus, P. (2017): Psychisch gesund – so geht Schule heute. Online: URL: https://www.barmer.de/blob/124986/1f9eccc256 e074302c4ce348c2f5c650/data/dl-pdf-vortrag-paulus.pdf [Datum der Recherche: 28. März 2019] 
⌂ Roth, G. (2016): Die Bedeutung der Motivation für den Lernerfolg. Online: URL: https://uol.de/fileadmin/user_upload/diz/bilder/Bilder_PW/PW2016/Prof._Dr._Gerhard_Rot h_PW2016.pdf [Datum der Recherche: 28. März 2019] 
⌂ Rötzer, F. (2017): 800 Millionen Jobs sollen weltweit durch Automatisierung verloren gehen. Online: URL: https://www.heise.de/tp/features/800-Millionen-Jobs-sollen-weltweit-durch- Automatisierung-verloren-gehen-3904767.html [Datum der Recherche: 12. März 2019] 
⌂ Schaal, S. (2014): Die Revolution hat gerade erst begonnen. Online: URL: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/roboter-in-der-landwirtschaft-kleine-feldroboter-statt-vollautomatischen-maehdreschern/93346882.html?ticket=ST-1843131-ZH4yjjVvC5eVLON9tceJ-ap1 [Datum der Recherche: 12. März 2019] 
⌂ Statistica (Hrsg.) (2019): Prognose zur Entwicklung der Weltbevölkerung von 2010 bis 2100 (in Milliarden*). Online: URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1717/ umfrage/prognose-zur-entwicklung-der-weltbevoelkerung/ [Datum der Recherche: 06.März 2019] 
⌂ Süddeutsche (2014): Weltbevölkerung wächst auf 7,3 Milliarden Menschen. Online: URL: https://www.sueddeutsche.de/wissen/demografie-weltbevoelkerung-erreicht-milliarden-menschen- 1.2280805 [Datum der Recherche: 12. März 2019] 
⌂ Walk, L.M. (2011): Bewegung formt das Gehirn. DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung 1: 27- 29. Bonn. 
⌂ Weltagrarbericht (2016): Bäuerliche und industrielle Landwirtschaft. Online: URL: https://www.weltagrarbericht.de/themen-desweltagrarberichts/baeuerliche-und-industrielle-landwirtschaft.html [Datum der Recherche: 12.März 2019] 
⌂ Weniger, E. (1952): Die Eigenständigkeit der Erziehung in Theorie und Praxis. Beltz: Weinheim. 
⌂ Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (2016): Exekutive Funktionen. Online: URL: http://www.lis-in-bw.de/,Lde/Startseite/Schulsport/Exekutive+Funktionen [Datum der Recherche: 15.März 2019] 

Bildquellen 

⌂ Abbildung 1: https://futurezone.at/b2b/jack-ma-bestaetigt-seinen-ruecktritt-fuer-das-jahr-2019/400113305 [Datum der Recherche: 27. März 2019] 
⌂ Abbildung 2: https://www.naturarzt-access.de/wie-steht-es-um-ihre-kreativitaet/ [Datum der Recherche: 27. März 2019] 
















Dienstag, 5. Februar 2019

Entspannung in der Grundschule

Entspannung in der Grundschule
von Marisa Schmidt


Abb. 1: Entspannung in der Grundschule

Max kommt ganz erschöpft nach Hause. Heute war in der Schule wieder einmal viel los. Erst hatte er sechs Stunden Unterricht, in denen er sogar eine Klassenarbeit geschrieben hat, Streit mit seinen Freunden hatte und eine schlechte Note in Mathe bekommen hat. Nach der Schule hatte er bis 15 Uhr Ganztagesschule, inklusive Hausaufgabenbetreuung. Nun ist er müde und möchte sich eigentlich nur noch hinlegen. Aber nein- er hat ja jetzt Gitarrenunterricht und danach noch Schwimmtraining. Um 19 Uhr kommt er vom Schwimmtraining nach Hause und legt sich gleich ins Bett. Doch er kommt einfach nicht zur Ruhe. Er dreht sich von einer auf die andere Seite. Irgendwann kann er dann doch einschlafen, aber am nächsten Tag, als er aufwacht, ist er hundemüde und total gerädert. Ein Teufelskreis beginnt...


Warum Entspannung für Kinder?

Abb. 2: Wovon fühlst du dich gestresst?

So wie Max geht es laut einer im Jahr 2012 durchgeführten Kindheitsstudie des Instituts für Sozialforschung und des Deutschen Kinderschutzbundes ein Viertel der befragten Kinder. Sie alle fühlen sich regelmäßig gestresst. Als Stressfaktor gaben 33% der Kinder die Schule an, 21% sahen Ärger und Streit als Stressfaktor und 17 % die Familie, also Geschwister oder Eltern (vgl. Elefanten Kinderschuhe/Deutscher Kinderschutzbund 2012 S. 139).


Wer unter Stress steht schüttet vermehrt das Hormon Adrenalin aus, das zunächst zwar für Kraft und Aktivität sorgt, längerfristig aber zu Verkrampfungen und Nervosität führt. Außerdem drosselt es die Ausschüttung der Glückshormone.
Die Folge: Man wird unkonzentriert, schläfrig, deprimiert, empfindlicher, nervös, weniger belastbar und unmotiviert. Außerdem werden unsere Blutgefäße durch das Adrenalin porös, wodurch sich leichter Kalk und Fett ablagern kann. Dies führt wiederum zu einem erhöhten Herzinfarktrisiko. Des Weiteren wird unserem Körper durch Stress Vitamin-C entzogen, wodurch das Immunsystem geschwächt wird (vgl. Gremmer/Konnertz/Sauer 2005 S. 78f.).

Kinder, die unter Stress stehen, leiden an Unkonzentriertheit, Kopf- und Bauchschmerzen, Traurigkeit, Aggressionen, Lern- und Leistungsstörungen, einem Unwillen zur Schule zu gehen und sind häufig krank (vgl. statista.de 2018).

Abb. 3: Welche Reaktionen ruft Schulstress bei Ihrem eigenen Kind hervor?

Die einzige Lösung, um aus diesem Stresskreislauf zu entfliehen, sind regelmäßige Entspannungspausen in den Alltag einzubauen (vgl. Gremmer/Konnertz/Sauer 2005 S. 79). Denn Entspannung ist ein Zustand der Gelöstheit, nach anspannenden Tätigkeiten. Also brauchen wir Entspannung, um Stress abzubauen.
Durch Entspannung wird der Herzschlag verlangsamt, die Atmung ruhiger und die Blutgefäße erweitern sich.
Besonders bei langen Konzentrationsphasen ist es notwendig, zu entspannen. Der menschliche Organismus kann sich in der Regel lediglich für eine Zeitspanne von 30 Minuten konzentrieren. Danach nimmt die Konzentrationsfähigkeit ab.
Deshalb braucht man nach einer 30-minütigen Konzentrationsphase eine Entspannungsphase von mindestens 10 Minuten.
Da Entspannung geübt werden muss, ist es sinnvoll schon in der Grundschule damit anzufangen (vgl. Gremmer/Konnertz/Sauer 2005 S. 80f.)


Was ist Entspannung?

Entgegen einer weit verbreiteten Meinung, ist Fernsehen keine Art der Entspannung. Beim Fernsehen werden die Augen und Ohren von Reizen überschüttet, dabei hat man keine Chance sich zu entspannen. Man erreicht dabei oft das Gegenteil und ist dadurch noch nervöser und unentspannter (vgl. Gremmer/Konnertz/Sauer 2005 S. 80).  Trotzdem entspannen 53 Prozent der sieben bis zwölf-jährigen Kinder vor dem Fernseher (vgl. Elefanten Kinderschuhe/Deutscher Kinderschutzbund 2012 S.159).
Insgesamt kann man sagen, dass ein Drittel der bei der Studie befragten Kinder sich „sehr oft“ oder „oft“ einfach mal ausruht. Je mehr sich die Kinder diese Pausen gönnen, desto mehr Wissen haben sie über Entspannungsmöglichkeiten und weisen zusätzlich ein stärker ausgeprägtes Vorsorgebewusstsein auf, zudem ernähren sich diese Kinder häufiger gesund und ausgewogen. (vgl. Elefanten Kinderschuhe/Deutscher Kinderschutzbund 2012 S. 157).
Um in einen entspannten Zustand zu kommen, braucht man zunächst Ruhe. Der Herzschlag verringert sich und man hat das Gefühl der Schwere.
Natürlich hat jeder Mensch andere Vorlieben, um in diesen Zustand zu kommen. Manche Menschen erreichen ihn mit Achtsamkeitstraining, Yoga, Qigong oder sogar sportlichen Aktivitäten.
Es gibt aber, unter anderem, noch vier weitere Entspannungstechniken, die weniger prominent bei Kindern sind: Die Atemübung, die Fantasiereise, das autogene Training und die progressive Muskelentspannung. Dabei gibt es kindgerechte Versionen dieser Entspannungsverfahren.
Egal, welche Entspannungstechnik man anwendet, ist es wichtig, dass diese vorher gut geübt wird, damit man schnell und effektiv in dieses Gefühl der Entspannung verfällt.


Welche Formen der Entspannung gibt es?

Es gibt viele Formen der Entspannung. Manche Kinder nutzen Hörspiele um zu entspannen, manche kuscheln mit ihren Eltern, hören Musik, basteln oder machen Sport. Aber auch die bei Erwachsenen gängigen Entspannungsmethoden, die bei Kindern bisher nicht oft angewendet werden, können auch mit Kindern im Unterricht oder zu Hause durchgeführt werden.
Doch welche sind das?

1. Autogenes Training
Es wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einem Berliner Psychoanalytiker und Neurologen entwickelt. Das Ziel der Methode ist, den gesamten Körper durch konzentrative Übungen positiv zu beeinflussen.
Ziel des autogenen Trainings ist die vollständige körperliche und geistige Erholung, nach der die Person aber völlig energiegeladen ist. Es besteht aus sechs, aufeinander aufbauenden Übungen – die Schwereübung, die Wärmeübung, die Atemübung, die Herzübung, die Bauchübung sowie die Stirnübung. Man konzentriert sich auf verschiedene Gefühle, wie zum Beispiel die Wärme, die durch den Körper fließt oder das gleichmäßig schlagende Herz. Erst wenn die erste Übung optimal funktioniert, soll die darauffolgende durchgeführt werden.
Wichtig ist, die Übungen regelmäßig und konsequent zu üben, sonst wird man keine Entspannung bekommen (vgl. Solms 2007 S. 150-154).


Quelle: Youtube (https://www.youtube.com/watch?v=0MdIirZ2Bmo)

2. Progressive Muskelentspannung
Diese Methode entstand in den 1930er Jahren. Sie wurde von dem Physiologen Edmund Jacobsen entwickelt und wird daher oft Jacobson-Training genannt.
Eine Folge der Reaktion auf Stress und Angst ist die Muskelanspannung, bei der Muskelentspannung passiert genau das Gegenteil. Stress und Angst fallen dabei von einem ab.
Die Entspannung kann durch Anspannen und Lockerlassen verschiedener Muskeln herbeigeführt werden. Parallel zum Anspannen wird eingeatmet, beides kurz angehalten und beim Entspannen wieder ausgeatmet. Die Übung kann durch einen vorgelesenen Text, der die Aktivitäten vorgibt, unterstützt werden. Besonders gut funktioniert sie in ruhiger Umgebung, wenn die Person dabei bequem auf dem Rücken liegt (vgl. Solms 2007 S.156-159).

Quelle: Youtube (https://www.youtube.com/watch?v=8rnHzZq3JB0)
3. Die Fantasiereise
Durch Imagination begibt man sich hier an einen Ort, an dem man sich wohlfühlt. Die Augen werden dazu geschlossen und man konzentriert sich auf die Atmung. Begleitet von einer Erzählung spielt sich vor dem inneren Auge eine Fantasiegeschichte ab, die alle fünf Sinne miteinbezieht – Hören, Sehen, Schmecken, Riechen und Fühlen. Das Zurückkehren aus der Fantasiewelt sollte langsam und durch Konzentration auf den eigenen Körper geschehen.

4. Yogaatemtechnik
Die Yogaatmung kann im Liegen, Sitzen oder Stehen geübt werden, dabei sollte man auf einen gerade aufgerichteten Rücken achten. Die einzelnen Phasen der Atmung werden mit Hilfe der Hände gelernt, die den Bauch oder die Rippen nach innen drücken.
Man unterscheidet dabei zwischen Bauchatmung, Brustatmung, Lungenspitzenatmung und vollständiger Yogaatmung (vgl. Solms 2007 S. 166).

Wie können diese Entspannungsverfahren in den Grundschulunterricht integriert werden?

Besonders für Schülerinnen und Schüler ist es wichtig, Entspannungspausen in den (Schul-)Alltag einzubauen.
Entspannung nimmt im Bildungsplan in Baden- Württemberg einen hohen Stellenwert ein. „Bewegung und Entspannung“ ist ein Teil der Leitperspektive „Prävention und Gesundheitsförderung“ (BP BW 2016).
Da Entspannungstechniken im Alltag selten gelernt werden, müssen sie in den Schulalltag mit eingebaut werden.
Dies geschieht, indem die Lehrperson den Kindern die Entspannungstechniken gut vermittelt und dann als Ritual in den Schulalltag einfließen lässt. Dadurch gehen Entspannungspausen automatisch in den Alltag der Kinder über. Daher sollte man schon früh, am besten in der Grundschule, das Thema Entspannung in den Unterricht einbringen.
Allerdings müssen die Kinder in einem Alter sein, in dem sie in der Lage sind, die Wichtigkeit der Entspannung zu erkennen und auch in eigener Initiative die Entspannungsübungen durchführen können. Zudem sind die Texte und Anweisungen, zum Beispiel für eine Fantasiereise, sehr lange und umfangreich. Die Kinder sollten in der Lage sein, die Texte sicher lesen zu können. Daher ist die Vermittlung der Entspannung ab der 3. Klasse ideal.
Da Entspannungsmethoden gut und intensiv gelernt werden müssen, eignet sich ein Projekttag oder -woche am besten dazu. Dadurch, dass man einen ganzen Schultag Zeit für die Vermittlung bekommt, hat man zum einen genug Zeit die Methodik hinter den Techniken zu erklären, zum anderen bleibt noch genug Zeit für die Durchführung der einzelnen Entspannungstechniken. Zudem sollte die Entspannung von der Schule in den Alltag übergehen, weshalb man die Eltern durch Informationsabende etc. miteinbeziehen sollte.

Wie könnte eine konkrete Umsetzung im Unterricht aussehen?

Um das Thema Entspannung einzuführen und den Kindern die Bedeutsamkeit dieses Themas zu verdeutlichen, würde sich ein Projekttag, oder eine Projektwoche anbieten. Dadurch kann man den Kindern ausführlich und in aller Ruhe alle Arten von Entspannung zeigen und ihnen auch das Gegenteil, die Gefühlslage während einer Stresssituation vor Augen führen. Dadurch spüren die Kinder, was Stress mit ihrem Körper macht und wie gut Entspannung tut. Motivierend für die Kinder ist es, wenn dieser Projekttag unter einem bestimmten Motto stattfindet, der mit einem schwerelosen entspannten Zustand zu tun hat, wie „Gechillt durchs All“ oder „Entspannen in der Unterwasserwelt“. Diesem Thema begegnen die Kinder schon in der Einführung und es zieht sich durch jede Aufgabenstellung durch.
Natürlich sollte man davor auch die Eltern für dieses Thema sensibilisieren, ihnen verschiedene Entspannungsmöglichkeiten aufzeigen und diese möglichst mit ihnen durchführen.

Zur Vorbereitung des Projekttags sollte man die verschiedenen Entspannungstechniken kindgerecht aufbereiten und genug Material zusammenstellen, damit die Kinder auch zuhause diese Techniken üben können.

Im Folgenden wird hier für jede Entspannungstechnik eine kindgerechte Übung vorgestellt:

1. Autogenes Training

a.    Stelle dir vor, du bist ein schweres Tier mit ganz schweren Armen und schweren Beinen.

b.     Überlege dir, wie ein schweres Tier laufen könnte.

c.     Laufe wie ein schweres Tier durch den Raum.

d.    Laufe mal langsam und mal schnell wie ein schweres Tier durch den Raum. Es ist gar nicht so einfach ein schweres Tier zu sein.

e.     Nun muss sich das schwere Tier erholen. Setze dich wieder hin und entspanne dich.

f.     Wie hat es sich angefühlt ein schweres Tier zu sein? Wie haben sich die Arme und Beine angefühlt? Bespreche das mit deinem Nachbar.

2. Progressive Muskelentspannung

a.    Schließe deine Augen.

b.     Stelle dir vor, du bist kurz vor deiner nächsten Reise ins Weltall. Wegen der Schwerkraft, musst du deine Muskeln gut darauf vorbereiten. Sie müssen ganz entspannt und locker sein.

c.     Mache nun eine Faust mit deiner einen Hand. Stelle dir vor, du hast einen Ball in der Hand und möchtest den kaputt machen. Zähle nun langsam 1- 2- 3- 4- 5. Dann entspannst du deine Hand langsam wieder. Der Druck lässt nach und fließt aus deiner Hand heraus.

d.    Mache nun eine Faust mit deiner anderen Hand. Stelle dir vor, du hast einen Ball in der Hand und möchtest den kaputt machen. Zähle nun langsam 1- 2- 3- 4- 5. Dann entspannst du deine Hand langsam wieder. Der Druck lässt nach und fließt aus deiner Hand heraus.

e.     Du atmest ruhig ein und aus und genießt das entspannte Gefühl.

3. Fantasiereise

Suche dir einen Punkt im Raum, an dem du dich mit deinem Blick festhalten kannst. Schließe nun deine Augen.

Du lässt alle Gedanken, die in einem Kopf herumschwirren, einfach vorbeiziehen und vergisst alles, was um dich herum passiert.

 
Achte auf deine Atmung. Atme ruhig ein und aus. Du wirst immer gelöster und entspannter.

Dein Körper ist ganz ruhig. Deine Arme sind ganz ruhig, deine Beine sind ganz ruhig. Dein Kopf liegt ruhig auf deinen Armen.

Du bist bereit für eine wunderschöne Reise ins Weltall mit Mia und Max.

Du hast deinen Astronautenanzug an. Er ist angenehm warm. Mia und Max warten schon auf dich. Nun steigst du in die Rakete. 3-2-1 es geht los.

Die Rakete startet Richtung Mond. Du fühlst dich sicher und geborgen. Währenddessen siehst du den blauen Himmel und die weißen Wolken am Fenster vorbeiziehen. Es gibt dir ein schönes und gutes Gefühl.

Nun wird es immer dunkler. Aber du hast keine Angst, denn du kannst die wunderschönen Sterne glitzern sehen. Sie sehen so schön aus!

Plötzlich landet ihr auf dem Mond. Ihr steigt aus. Durch die Schwerelosigkeit fühlen sich deine Arme und Beine ganz leicht an. Du machst einen Purzelbaum und ein paar Schwimmbewegungen.

Mia und Max ziehen dich mit auf den Mond. Wie könnte er aussehen? Ist er glatt oder rau? Bergig oder flach? Wie fühlt er sich an? Du legst dich für ein paar ruhige Atemzüge auf den Boden.

Es macht dir großen Spaß den Mond zu erkunden.


Jetzt musst du leider wieder heim. Du genießt noch einmal die Schwerelosigkeit. Spürst deine leichten Arme und deine leichten Beine. Du machst erneut einen Purzelbaum.

Nun steigt ihr drei wieder in die Rakete. Mit der Gewissheit, dass du immer wieder an diesen Ort zurückkommen kannst, startet die Rakete zurück zur Erde.
Unten angekommen steigst du aus der Rakete und aus deinem Anzug. Deine Arme und deine Beine fühlen sich jetzt wieder schwer an. Du spürst angenehm die warme Sonne auf deiner Haut.

Während du wach wirst, genießt du die Ruhe und Schwere in deinem Körper. Du spürst wieder wie der Körper die Unterlage unter dir berührt. Bewege deine Hände und recke und strecke die Arme und Beine.

Du atmest ruhig ein und aus. Du fühlst dich entspannt und zufrieden. Nun öffnest du wieder deine Augen.

4. Yogaatemtechnik

Tipp:
Um die Technik besser zu üben, stelle dir einen Berg vor.
Beim Einatmen fährst du mit deinem Fahrrad den Berg hinauf und zählst dabei 1- 2- 3.
Wenn du oben angekommen bist, hältst du die Luft an und zählst 4- 5.
Dann fährst du den Berg wieder hinunter und zählst dabei 5-4-3-2-1.

Setze dich bequem hin.

1.  Atme ein paar Mal ruhig ein und aus. 

2.  Atme tief durch die Nase ein. Zuerst füllst du deinen Bauch mit Luft, dann deine Brust. Zähle beim Einatmen langsam 1- 2- 3.

3.  Nun hältst du die Luft an. Du zählst 4-5.

4.  Atme die Luft langsam durch den Mund aus. Du zählst 5-4-3-2-1.

5.  Jetzt machst du eine kurze Pause und startest wieder von vorne.

6.  Wiederhole alles 10 Mal.

Diskussionsfragen

1. Findest du Entspannungsübungen für die Grundschule sinnvoll? Oder ist es deiner Meinung nach zu früh oder eventuell zu spät? Sollte man Entspannungstechniken schon in der KiTa einführen?

2. Wie würdest du Entspannungspausen in den Unterricht integrieren?

3. Wie könnte man die Eltern miteinbeziehen und für das Thema sensibilisieren?



Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: BKK Gesundheitsförderung für Kitas und Grundschulen (o.A.): Gesundheitsbaustein Entspannung. URL: http://www.fitvonkleinauf.de/uploads/pics/Entspannung_200.jpg [Zugriff: 19.12.18]

Abb. 2: Elefanten Kinderschuhe/ Deutscher Kinderschutzbund (2012): Elefanten-Kindergesundheitsstudie 2011. Große Ohren für kleine Leute. Ergebnisse des Erhebungsjahres 2011. Recklinghausen: RDN Verlags GmbH und Co. KG, S.141

Abb. 3: Statista (2018): Welche Reaktionen ruft Schulstress bei Ihrem eigenen Kind hervor? URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1437/umfrage/reaktionen-von-kindern-auf-schulstress/ [Zugriff: 20.12.18]

Literaturverzeichnis

BP BW (2016): Bildungspläne Baden-Württemberg. URL: http://www.bildungsplaene-bw.de/,Lde/Startseite/BP2016BW_ALLG/BP2016BW_ALLG_LP_PG [Zugriff: 21.12.2018]

Elefanten Kinderschuhe/ Deutscher Kinderschutzbund (2012): Elefanten-Kindergesundheitsstudie 2011. Große Ohren für kleine Leute. Ergebnisse des Erhebungsjahres 2011. Recklinghausen: RDN Verlags GmbH und Co. KG.

Gemmer, Björn/Konnertz, Dirk/Sauer, Christiane (2005): Konzentration-Entspannen. Stuttgart: Klett.

Solms, Andrea (2007): Konzentration trainieren. Gedächtnis schulen und Stress abbauen. München: Compact Verlag.

Statista (2018): Welche Reaktionen ruft Schulstress bei Ihrem eigenen Kind hervor? URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1437/umfrage/reaktionen-von-kindern-auf-schulstress/ [Zugriff: 20.12.18]