Donnerstag, 11. Februar 2021

Burnout - ein gesellschaftliches oder persönliches Problem?

 

Ein Blogbeitrag von Selina Manzer und Judith Schneiderhan

Einführung: 


Gestresst, übermüdet und kraftlos - ein Gefühl, das die meisten Menschen kennen. Jede*r hat

Momente im Leben, in denen Zweifel und Schwäche nicht zu vermeiden sind. Ein anstrengender Tag

bei der Arbeit/in der Uni, eine Streitsituation, ein Wendepunkt, der neue Herausforderungen mit sich

bringt oder ein gescheitertes Projekt: all diese Situationen können ein Gefühl des Unbehagens

auslösen. Ein Gefühl des Ausgebranntseins.  Ein Gefühl, das einen glauben lässt, man selbst wäre nicht gut genug. 

Ein Gefühl jedoch, welches nach einem erholsamen Schlaf oder nach einem beruhigenden Gespräch 

schnell abflacht. Normalerweise. Für immer mehr Menschen ist dieses Gefühl ein Dauerzustand, 

das sich durch deren Alltag zieht.  ,,Immer mehr”, da sich der Prozentsatz der

Menschen, bei denen Burnout diagnostiziert wurde, in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt

hat (vgl. Abb.1). Doch woher kommt dieser drastische Anstieg und wie kann die Arbeit als Pädagog*in

diese Kurve abflachen?  

 

 



Definiton Burnout:

So ziemlich Jede*r hat bereits etwas von dem Begriff ,,Burnout” gehört und sich eine mehr

oder weniger fundierte Meinung zu dem Thema gebildet.  Doch was genau steckt wirklich

hinter dem Begriff? 

Er lässt sich auf den Psychoanalytiker Herbert Freudenberger zurückführen, der den Begriff in

den 1970ern verwendete, um den Zustand eines sozial Engagierten zu beschreiben, der nicht

mehr in der Lage ist dieses Engagement aufrechtzuerhalten. ,,Burn-out” bedeutet wörtlich

übersetzt so viel wie ausbrennen (vgl. Koch u.a. 2012: 161).  

 

Burnout, Kraftlos, Skulptur, Schlaf 

 

,,Wie eine schwarze Wand” (Wagenknecht 2020: 20), die es unmöglich macht sich  

aufzurappeln und weiter zu machen. Ein Gefühl der völligen Erschöpfung. So beschreibt die

Politikerin Sahra Wagenknecht das Gefühl des Burnouts.  2019 zieht sie sich aus der

Parteiführung zurück und spricht offen über ihre Erfahrungen. Lange Zeit bevor dieser Punkt

erreicht war, fühlte sich Sahra erschöpft. Sie war müde und unausgeglichen. Dennoch sei es

bis zu diesem gewissen Punkt möglich weiterzumachen. Aufstehen und funktionieren war die

Devise, mit der sie sich lange Zeit durch den Alltag kämpfte. Erkältungen wurden unterdrückt,

Schlafmangel ignoriert. Genau so lange, bis die ,,schwarze Wand” (ebd. 2020: 20)

erschien. Schlagartig war es nicht mehr möglich zu funktionieren. An diesem Punkt setzt

Sahra einen Schlussstrich und lässt sich zwei Monate krank schreiben. Sie nimmt sich eine

Auszeit und regeneriert sich schnell.  Dieses Privileg der unbedenklichen Auszeit haben

jedoch nur Wenige. Wenige haben die finanziellen und beruflichen Mittel, sich ohne Druck und

Zeitbegrenzung auszuruhen. Genau hier sieht Sahra das Problem. Sie beschreibt einen

Teufelskreis, der sich durch extremen gesellschaftlichen Druck und Existenzängste bedingt 

(vgl. ebd. 2020: 19- 39). Hier gehts zum Podcast von Sahra Wagenknecht

 

 

Lösungsansätze

 

Die Gesellschaft ist ökonomisierter. Stress und Druck im Arbeitsmarkt sind viel präsenter, da

Abstiegsängste immer größer werden. ,,Wir haben eine Gesellschaft, in der sich alles darum

dreht aus Geld mehr Geld zu machen” (Wagenknecht 2020: 34) Die Gesellschaft ist an

einem Punkt angekommen, an dem sie sich die Frage stellen muss, ob  die Rendite von

Wenigen wichtiger ist, als die Lebensqualität von Millionen. Die realen gesellschaftlichen

Faktoren müssen demnach in den Mittelpunkt gerückt werden. Der harte Alltag, indem es

keine Pausen und keine Schwäche gibt, muss hinterfragt werden (vgl. ebd.: 43- 45). Erst

wenn offen über psychische Probleme geredet werden kann, wenn das unerreichbar sein im

Urlaub keine Schande mehr ist und wenn Gesundheitsförderung im Arbeitsalltag zur

Normalität wird, kann der starke Anstieg psychischer Krankheiten (siehe Abb.2) gebremst

werden. Solange wir in einem System leben, welches im Falle einer psychischen Behandlung

keine Verbeamtung zulässt, kann sich langfristig nicht viel verbessern. Die politische Praxis ist

gefragt.

 

 

                                                                                                        Abb.2                         

 

 

Coaching

 

Da Pädagog*innen nicht direkt die Möglichkeit haben, das politische System zu verändern,

sollte der Schwerpunkt auf der präventiven Arbeit liegen. Die positive Entwicklung ist die des Coachings 

und der Beratung, deren Angebote immer mehr verbreitet und angenommen werden. 

Gesundheitsförderung ist kein Bereich mehr über den nachgedacht werden kann wenn etwas Geld übrig ist. 

Gesundheitsförderung ist unverzichtbar wenn die Arbeitskräfte voll arbeitsfähig sein und bleiben sollen. 

Damit wird die Arbeit als Pädagog*in immer relevanter und sollte, egal in welchem Bereich, auf die Gesundheit 

der Teilnehmenden/Klient*innen achten (vgl. Beck 2016). 

Wichtig ist dabei die Sensibilisierung für Maßnahmen, die eine psychische Gesundheit fördern sowie

die Analyse und Beseitigung von krankmachenden Faktoren. Um die psychische Gesundheit bei der

Arbeit, mit sich ständig ändernden Anforderung, zu fördern, braucht es entsprechende Konzepte in den

Unternehmen, die unter anderem Workshops, Seminare und Beratungen zu Themen wie 

z.B. Zeitmanagement, Stressbewältigung und Resilienzförderung beinhalten. Sowohl die Beteiligung an der

Entwicklung, als auch die Durchführung von Angeboten sind die Aspekte, bei denen die Arbeit der

Pädagog*innen von besonderer Bedeutung ist (vgl. BMG 2019, BMAS 2007, AG2 BGF 2009). Nur so

wird es möglich eine Gesellschaft zu schaffen, in der die psychische Gesundheit bewahrt wird. Eine

Gesellschaft, in der die Gesellschaft entschleunigt und Schwächen zulässt. Denn Burnout ist kein

persönliches, sondern ein gesellschaftliches Problem.    

Hier spricht eine Stresscoacherin mit eigener Burnout-Vergangenheit 

 

Hilfe, Hand, Anbieten, Verzweiflung   

 




Links zur Vertiefung:

Stresscoach nach einem Burnout. Wir im Saarland - Das Magazin. SR Fernsehen. 20.08.2020  
https://www.ardmediathek.de/ard/video/wir-im-saarland-das-magazin/stresscoach-nach-einem-burnout/sr-fernsehen/Y3JpZDovL3NyLW9ubGluZS5kZS9NQS1XSU1TXzkxMzI3/ 


Schade, Anne-Katrin/ Herriger, Fabian. Burn-out: "Jeden Morgen nach dem Aufwachen dachte ich: Scheiße!". 18.10.2019

https://www.zeit.de/arbeit/2019-10/burn-out-stress-arbeitsplatz-depressionen-ueberlastung-erfahrungen 


Balance Management Heribert Fischedick. Burnout - und Stress-Prävention für Unternehmer, Führungskräfte, Ärzte & Manager 28.11.2017 

https://www.youtube.com/watch?v=kwcBihcxRgc 


Addendum. Was tun gegen burnout? 11.04.2019 https://www.youtube.com/watch?v=AQMIq9ZeEqs 






Abbildungsverzeichnis: 







Literaturverzeichnis: 


Monographien:


  • Neckel, S./ Wagner, G. (2013): Leistung und Erschöpfung: Burnout in der Wettbewerbsgesellschaft. Berlin: Suhrkamp 


Podcast: 



Internetseiten und Positionspapiere:






Zeitschriften:


  • Beck, D./ Lenhardt, U. (2016): Betriebliche Gesundheitsförderung in Deutschland:
    Verbreitung und Inanspruchnahme. Ergebnisse der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2006 und 2012.
    In: Das Gesundheitswesen, Volume 78. Ausgabe 1/2016. S.56-62. 


  • Koch, U./ Broich, K. (2012): Das Burn-out-Syndrom. In: Bundesgesundheitsblatt, Ausgabe 2/2012, S. 161 f.



Dienstag, 9. Februar 2021

45-Minuten-Rhythmus: ein Auslaufmodell?


Eine typische Schulstunde hat in Deutschland 45 Minuten, doch wechseln immer mehr Schulen zu 60-Minuten-Stunden. Doch warum wurde eine Schulstunde so festgelegt, wenn eine Zeitstunde aus 60 Minuten besteht? Fanden Wissenschaftler eines Tages heraus, dass SchülerInnen besser im 45 Minutentakt lernen? Uns hat interessiert ob der Rhythmus der Schule optimal auf die Bedürfnisse und Voraussetzungen der SchülerInnen ausgelegt ist, denn solch ein Unterricht würde weniger Stress und eine geringere gesundheitsschädigende Auswirkung auf den Körper der SchülerInnen bedeuten. Die verschiedenen Argumente für und wider unterschiedlicher Unterrichtszeiten wollen wir euch im Folgendem näherbringen.
Wenn ihr auf die blauen Wörter klickt, werdet ihr zu weiterführenden interessanten Webseiten weitergeleitet.

2. Woher kommt der 45-Minuten-Takt?

Noch fast bis ins 20. Jh., im damaligen Preußen, war Unterricht noch 60 Minuten lang und fand sowohl vormittags und nachmittags statt. Ein Kritikpunkt am Nachmittagsunterricht war, dass nach dem Mittagessen “die Verdauungstätigkeit” einsetzte und dies “einen hemmenden Einfluss auf die geistige Leistungsfähigkeit” ausübte. Untersuchungen der experimentellen Psychologie kamen damals zum Ergebnis, dass die 60-Minuten-Taktung gesundheitsschädigend und nicht förderlich für das Lernen sei. 1911 legte der preußische Kultusminister die Unterrichtsstunden in allen höheren Lehranstalten auf 45 Minuten fest. Die 32 Wochenstunden konnten so komplett auf den Vormittag gelegt werden. 

3. Vor- und Nachteile der Unterrichtsstunden

3.1 Methodik: Passen moderne Unterrichtsformen noch in den 45-Minuten-Takt?

Ähnlich zu heutigen LehrerInnen übten damalige Lehrer schon die Kritik aus, dass der 45 minütige Unterricht zu starr sei und den Lehrstoff in zu wenig Zeit presse. In Einzelstunden fehle oft die Zeit für wichtige Reflexions- und Verallgemeinerungsphasen. Forscher empfehlen daher längere Unterrichtsstunden. Vorteile des 60-Minütigen-Unterrichts sind auch mehr Möglichkeiten für Unterrichtsgestaltung mit individualisierter und inklusiver Förderung.

Eine Studie untersuchte die Auswirkungen der Stundenverlängerung (60 Minuten) auf die Unterrichtsqualität. Die Fälle ergaben, dass die längeren Unterrichtsstunden eine höhere didaktische Vielfalt in der Lehrzielwahl aufwiesen und mehr Lernprozesse abgeschlossen werden konnten. Jedoch wurde auch festgestellt, dass die kognitive Aktivität gleich blieb. In einer Querschnittsstudie wurden inhaltsgleiche Unterrichtsstunden (eine Doppelstunde und zwei Einzelstunden) miteinander verglichen und diese kam zum Ergebnis, dass der Lernprozess nach den zwei Einzelstunden eher abgeschlossen sei als nach der Doppelstunde. Selbstberichte von Schulen mit 60-Minuten-Stunden, erzählen von einer positiven Lernatmosphäre und einem weniger hektischen Schulalltag. Für weniger Stress in Schulen zu sorgen wird immer wichtiger, steigen doch gesundheitliche Probleme bei SchülerInnen mit den Jahren. Stress ist aber nicht gleich ungesund, dient er doch als Voraussetzung um besonders leistungsfähig zu sein und um uns zu motivieren. Einen Einblick in gesunden und ungesunden Stress findet ihr hier. 

3.2 Konzentrationsphasen: Wann muss ein Wechsel stattfinden?

Die meisten Klagen bei SchülerInnen über mangelnde Konzentration aus unrealistischen Erwartungen. Denn Konzentrationsfähigkeit ist nicht angeboren, sondern wird erlernt. Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne im Alter von 10-14 liegt bei ca. 25 Minuten. Naturwissenschaftler argumentieren deshalb gegen 90 Minuten, da wenig schwerer Stoff durchgezogen werden könne. Außerdem bestehe die Gefahr, dass zwei 45-Minuten-Stunden einfach aneinander gehängt werden. Methodische Abwechslung soll hier helfen dem Konzentrationsverlust entgegenzuwirken. Durchschnittlich muss nach max. 25 Minuten ein Methoden- oder Unterrichtsformwechsel stattfinden. Fächer könnten in Zukunft auch flexiblere Einteilungen bekommen. Sprachen sind bspw. effektiver in kürzeren, aber häufigeren Intervallen. Pädagogen weisen zudem darauf hin, dass starre Zeitstrukturen zu Stress führen und dem Lernen entgegen wirken können. Ein anderes Argument gegen die 45 Minuten ist, dass der häufige Fächerwechsel das Lern- und Arbeitsverhalten erschwert, da der Zusammenhalt und die Konzentration verloren gehen. 

4. Endlich Pause!

4.1 Wann und wie ist Pause sinnvoll?

Pausen lohnen sich. Dies zeigen schon frühe Studien aus der Pausenforschung. Im Anschluss an eine Pause steigt die Produktivität so stark an, dass die verlorene Zeit nicht nachgeholt werden muss. 

"Es gibt kaum Untersuchungen, in denen Pausen eine negative Wirkung haben. Manche Studien stellen keinen Effekt fest, doch die meisten belegen eine positive Wirkung." ~ Johannes Wendsche, Arbeitspsychologe

Wie lang eine Pause sein sollte ist noch unklar. Untersuchungen zeigen aber, dass viele kleine Pausen einen höheren Erholungseffekt haben als wenige lange Pausen. Am effektivsten sind Pausen, wenn sie selbst gewählt sind. Interessanterweise können erzwungene Pausen Ärger und Stress vergrößern. 

4.2 Kreative Pausengestaltung

Ob eine Pause wirksam ist hängt auch davon ab wie die Zeit genutzt wird. 

"Die Grundempfehlung ist immer, das Gegenteil von dem zu machen, was ich bei der Arbeit getan habe: Saß ich viel, sollte ich mich bewegen. War ich alleine, sollte ich mich mit anderen Menschen treffen." ~ Johannes Wendsche, Arbeitspsychologe

Nach dem DRAMMA-Modell erfüllt eine sinnvolle Pause dabei sechs Kriterien, wie bspw. die Tätigkeit für einen Moment zu vergessen. Für viele SchülerInnen fehlt es hier aber an Angeboten. Unsere Vorschläge für eine sinnvolle Pausengestaltung:


Veröffentlicht von Xenja Hass und Hanna Glaser am 09.02.2021

Quellen

Dr. Eikenbusch, G. (2010): Alternativen zur 45-Minuten-Stunde. In: https://www.beltz.de/fachmedien/paedagogik/zeitschriften/paedagogik/themenschwerpunkte/alternativen_zum_45_minuten_takt.html abgerufen am 07.01.2021

Dr. Kailitz, S. (2019): Konzentration: Wie lange sollten Kinder still sitzen können? In: https://www.baby-und-familie.de/Entwicklung/Konzentration-Wie-lange-sollten-Kinder-still-sitzen-koennen-155387 abgerufen am 11.01.2021

Hedtke, K. (2017): Permanenter Zeitdruck: Kritik am 45-Minuten-Takt. In: https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/permanenter-zeitdruck-kritik-am-45-minuten-takt/ abgerufen am 11.01.2021

Kluth, R.: Warum hat eine Schulstunde 45 Minuten? In: dhm-Blog (Deutsches Historisches Museum):  http://www.dhm.de/blog/2018/08/15/geschichten-aktuell-warum-hat-eine-schulstunde-45-minuten/ abgerufen am 04.01.2021

Pleiss, P. L. (13.07.2020): Mach mal Pause! In https://www.spektrum.de/news/arbeitspsychologie-warum-pausen-wichtig-sind/1750572 abgerufen am 05.01.2021

Röll, I. (2014): Die neue Zeitrechnung. In: https://www.focus.de/familie/schule/paedagogik/die-neue-zeitrechnung-schule_id_2233856.html abgerufen am 11.01.2021 

Wackermann, R. (2016): Der Einfluss der Stundenlänge. 45 vs. 60 Minuten auf auserwählte Aspekte der Unterrichtsqualtität im Physikunterricht am Gymnasium: Eine Prä-Post-Untersuchung mit zwei Lehrkräften. In: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2213020915001226 abgerufen am 05.01.2021