Samstag, 29. Januar 2022

Psychomotorik - Bewegung als Schlüssel zur Persönlichkeitsentwicklung

Was ist Psychomotorik? 

Bei der Psychomotorik handelt es sich um ein Konzept der Persönlichkeitsentwicklung über das Erleben, Fühlen, Denken und Handeln mit und durch Bewegung. Dabei werden besonders die Wechselwirkungen zwischen psychischen und motorischen Prozessen betrachtet. Das Konzept fußt auf der Grundannahme, psychische Befindlichkeiten stehen in untrennbaren Zusammenhang mit dem Bewegungsverhalten des Menschen und somit, dass Bewegungshandlungen nicht nur die körperlich-motorischen Fähigkeiten beeinflussen, sondern gleichzeitig immer auch Auswirkungen auf die Einstellung zum eigenen Körper, das Bild von den eigenen Fähigkeiten und die Wahrnehmung der eigenen Person haben. (vgl. Bergmann, Thilo; Psychomotorik im Kindergarten und vgl. Psychomotorik; Aktionskreis Psychomotorik e.V.) 


Psychomotorische Förderung 

Eine psychomotorische Förderung eignet sich für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, richtet sich jedoch vorwiegend an Kinder im Kindergarten- und Primarschulalter. Die Förderung findet meist einzeln oder in Kleingruppen, in einem speziell dafür eingerichteten Psychomotorik-Raum statt. Durch gestalterische Ausdrucksmittel, wie Bewegung und Spiel zielt die Therapie auf eine Förderung in den Bereichen: 

• …der motorischen Geschicklichkeit 

• …der Selbständigkeit 

• …der sozialen Kompetenz 

• …des Vertrauens in sich selbst und in andere 

• …der Fähigkeit, das eigene Verhalten zu regulieren 

• …der Freude an der Bewegung 

Aufgrund dessen kann die Psychomotorik besonders in der Sonderpädagogik eine wichtige Rolle spielen. Ähnlich wie beispielsweise die Erlebnispädagogik, kann auch die Psychomotorik Schülerinnen und Schüler mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen ergänzend zum Regelunterricht gezielt fördern. Wichtig dabei ist, dass immer die zu fördernde Person mit ihren seelischen, sozialen und kulturell prägenden Einflüssen im Mittelpunkt steht. Die Therapeutin oder der Therapeut sollen den Entwicklungsprozess hingegen nur begleitend unterstützen und das Kind (bzw. Jugendliche/ Erwachsene) dazu anregen, aus eigenem Antrieb aktiv zu werden. Das heißt, sich über Bewegung mit sich selbst und mit seiner Umwelt auseinander zu setzten. Inhalte einer psychomotorischen Förderung können beispielsweise Methoden aus den Bereichen der Rhythmik, der Gymnastik, des Turnens und des Sports, der Sinnesschulung oder des Rollenspiels sein. (vgl. Was ist Psychomotorik und vgl. Integrative Förderung)


Beispiele aus der Schule 

Abbildung 1 Airtramp
Airtramp 

Ein Klassiker der Psychomotorik ist das Airtramp. Ähnlich wie ein Trampolin, regt das Luftkissen zum Springen, Toben und Fallen an, ist aber durch eine geringere Federung und größeren und weicheren Landefläche ungefährlicher. Das Airtramp fördert primär basale Bewegungen, grobmotorische Koordination, Gleichgewichtsvermögen, vestibuläre und taktil-kinästhetische Wahrnehmung*, sowie Angstabbau. Dadurch eignet es sich für alle bewegungshungrigen, aber auch ängstlich-gehemmten Kinder.          

                                                                                                                                                    

Mögliche Spiele und Übungen auf dem Airtramp: 

„Gewitter“:

Die Kinder hüpfen auf dem Airtramp. Sobald es „donnert“ (z.B. mittels Tamburins, Rassel, Blechdose), fallen sie blitzschnell um. Sie bleiben so lange ruhig liegen, bis sie feines regelmäßiges „Regnen“ hören (z.B. mittels eines Regenmachers). Dann dürfen die Kinder wieder weiterspringen – bis zum nächsten Donnerschlag. 

Ziel: Grobmotorik, Toben, Tonusaufbau, Stabilität, vestibuläre Wahrnehmung, auditive Wahrnehmung

 

„Standhaft“: 

Die Luft im Airtramp wird rausgelassen. Wie kann das Kind möglichst lange Zeit stehen bleiben, ohne einen Balancierschritt zu machen oder umzufallen? – Je weniger Luft sich im Airtramp befindet und je mehr Kinder Ausgleichschritte machen müssen, desto mehr gerät das Airtramp in Schwingungen und desto wackliger wird es. 

Ziel: Feinmotorik, Geschicklichkeit, statisches Gleichgewicht, Behutsamkeit, kinästhetische Wahrnehmung 


„Höhlenforschung“: 

Kinder, die sich trauen, können durch eine größere Öffnung in das Innere des Airtramps gelangen. Die Öffnung muss dann wieder geschlossen werden, damit die Luft aus dem Airtramp nicht entweicht. Die Kinder können im Airtramp krabbeln, sich ausruhen oder die „Höhle“ erforschen. Wichtig: Während der Höhlenforschung darf sich kein anderes Kind auf dem Airtramp aufhalten. 

Ziel: Körperbewusstsein, Körpergrenzen, Entspannung 


Natürlich gibt es auch zahlreiche psychomotorische Angebote ohne das Airtramp und mit wenig bis keine zusätzlichen Materialien:

„Blinder Hund“: 

Ein Kind steht in einem Reifen, den es mit beiden Händen in Bauchhöhe hält. Das Kind hat die Augen verbunden. Der Partner hält den Reifen von außen und führt das Kind durch den Raum.

Ziel: Sozialverhalten, Kooperation, Partnerspiele 


„Buchstaben“: 

Ein Kind legt mit Springseilen Buchstaben, die der Partner mit geschlossenen Augen ertastet.

Ziel: Bewegtes Lernen, Feinmotorik (vgl. Köckenberger, Helmut, 2006) 


Fazit 

Psychomotorische Angebote können folglich das Sozialverhalten und die Körperwahrnehmung gezielt fördern und stärken und damit einen entscheidenden Teil zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen. Das Besondere dabei ist, dass das Kind, der Jugendlichen oder Erwachsene selbst im Mittelpunkt steht und demnach individuell auf die jeweiligen Bedürfnisse eingegangen werden kann. Daraus entstehen ganz neue und vielfältige Chancen für die Förderung, die durch spielerische Elemente überwiegend mit Spaß verbunden sind. Die Psychomotoriktherapie eignet sich besonders für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die motorische oder emotionale Schwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten oder Schwierigkeiten in ihren Beziehungen zu anderen haben.


*Kinästhetische Wahrnehmung: Über Muskeln, Sehen, Gelenkstellungen spüren wir unseren Körper 

Taktile Wahrnehmung: Über Sensoren in der Haut nehmen wir Druck, Temperatur, Schmerz, Berührung wahr. So begreifen wir was uns umgibt. 

Vestibuläre Wahrnehmung: Gleichgewichtssinn (vgl. Arztmann-Spiegl, E., & Wirtenberger-Knapp, M.) 

Taktil-kinästhetische und vestibuläre Sinnesinformationen sind damit die Basis von emotionalen, kommunikativen sowie kognitiven Erfahrungen. (vgl. Kiese-Himmel, C., 2006) 


Literaturverzeichnis 

Arztmann-Spiegl, E., & Wirtenberger-Knapp, M. Lernbegleitung als geführte Interaktion. Abgerufen am 28. 12 2021 von http://logopaedie-arztmann.at/gefuhrte-interaktion.pdf 

Bergamnn, T. Psychomotorik im Kindergarten. kindergarten heute. Abgerufen am 28. 12 2021 von https://www.herder.de/kiga-heute/fachbegriffe/psychomotorik/ 

Integrative Förderung. Angebote der Regelschulen. Abgerufen am 28. 12 2021 von https://www.zh.ch/de/bildung/informationen-fuer-schulen/informationenvolksschule/volksschule-schulinfo-besonderer-bildungsbedarf/volksschule-angeboteregelschule.html#1833820340 

Kiese-Himmel, C. (2006). Die Bedeutung der taktil-kinästhetischen Sinnesmodalität für die Sprachentwicklung. German Medical Science. Abgerufen am 28. 12 2021 von https://www.egms.de/static/de/meetings/dgpp2006/06dgpp33.shtml#:~:text=Taktile%2C%2 0taktilkin%C3%A4sthetische%20und%20vestibul%C3%A4re%20Sinnesinformationen%20sind%20di e%20Basis,Orientierung%20im%20Raum%20und%20beim%20Erkennen%20von%20Objekten . 

Köckenberger, H. (2006). Rollbrett, Pedalo und Co. - Bewegungsspiele mit Materialien aus Psychomotorik, Sport und Freizeit. Basel: Borgmann Media. 

Psychomotorik. deutsche akademie - aktionskreis psychomotorik e.V. Abgerufen am 28. 12 2021 von https://psychomotorik.com/ueber-uns/psychomotorik/ 

Was ist Psychomotorik. psychomotorik schweiz. Abgerufen am 28. 12 2021 von https://www.psychomotorik-schweiz.ch/psychomotorik/ 


Abbildungsverzeichnis 

Abbildung 1 Airtramp (https://www.movere.de/kurseprojekte/, 28.12.2021)

1 Kommentar:

  1. Liebe Jule,

    danke für deine Kurzvorstellung der Psychomotorik. Ich durfte das Konzept der Psychomotorik erst vor kurzem selbst während meiner Ausbildung zur Übungsleiterin für Menschen mit geistiger Behinderung kennenlernen. Es hat mich sehr fasziniert, da es ein ganzheitliches Konzept der Körper- und Bewegungserziehung vertritt. Es fördert somit die Gesamtpersönlichkeit und die Erziehung durch Bewegung und nicht wie bei der herkömmlichen Sportpädagogik zur Bewegung. Dies eignet sich vor allem, wie du beschrieben hast, für Kinder mit sogenannten intellektuellen Beeinträchtigungen, da dort vor allem die Freude und der Spaß im Mittelpunkt stehen. Dieses Konzept kommt aber dennoch nicht aus der Sonderpädagogik. Die Theorie entstand aus der Praxis, welche sehr guten Anklang bei allen Kindern fand, besonders auch bei Kindern mit Behinderungen, welche oft im herkömmlichen Sportunterricht durch das Raster fallen. Während der Ausbildung durfte ich einen Dozenten kennenlernen, der Psychomotorik fast täglich in der Schule oder im Freizeitsport mit seinen Klassen oder Gruppen umsetzt. Er hat uns viele Spiele gezeigt, die die Möglichkeit zur Körper-, Material-, Sozialerfahrung, welches die drei Säulen der Psychomotorik bilden, geben. Das Air-Tramp war mir auch bekannt, aber die vielen Möglichkeiten, die man damit machen kann, nicht. Danke für die verschiedenen Vorschläge, die ganz individuelle Ziele haben und man somit auch in einer eher heterogenen Gruppe anwenden kann, sodass jede*r die Möglichkeit bekommt, mitmachen. Dies nehme ich in meine Ideensammlung für meine Sportgruppe und auch in den Schulsport mit.

    Viele Grüße,
    Anna-Lena Müller

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